Humor und Satire von Heinz Griesbach

bearbeitet 26. May in Deutsch

Deutsch für Fortgeschrittene

Humor und Satire
von Heinz Griesbach
und Rosemarie Griesbach

Max Hueber Verlag

Das Unterrichtswerk
Deutsch für Fortgeschrittene
von Heinz Griesbach

Hueber-Nr. 1137
1. Auflage 1972
© 1972 Max Hueber Verlag München
Gesamtherstellung: Druckerei Manz AG, Dillingen
Printed in Germany

VORWORT

Das Textheft Humor und Satire bringt eine Auswahl humorvoller und satirischer Texte. Diese Gattung zeichnet sich durch den Gebrauch idiomatischer Ausdrücke und durch die Verwendung mehrdeutiger Redewendungen aus. Darin besteht der Reiz solcher Texte. Sie zeigen den Unterschied zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten und damit die Hintergründigkeit bestimmter sprachlicher Formulierungen. So stehen bei satirischen Texten Inhalt und Erzähl weise oft in deutlichem Gegensatz zueinander; zum Beispiel wird der Gegensatz zwischen banalen Ereignissen und der gehobenen Sprache, in der sie geschildert werden, vom Autor absichtlich als Mittel der Ironie verwendet. Andererseits werden bedeutungsvolle Ereignisse in einfachster Umgangssprache wiedergegeben.
Die vorliegende Auswahl eignet sich bei gut fortgeschrittenen Sprachkenntnissen zu Interpretationsübungen und Diskussionen über die in den Texten angesprochenen Situationen. Die Erläuterungen zum Text geben Hinweise auf die verschiedenen Sprachebenen. Die verwendeten idiomatischen Redewendungen treten häufig in der Umgangssprache auf und bereichern die Ausdrucksmittel des Sprachschülers. Sämtliche Aufgaben und Übungen sind auf den jeweiligen Text bezogen. Es werden nur Lösungen verlangt, die der Schüler nach eingehender Textarbeit leicht finden kann.
Die Beantwortung der Fragen zum Text (A) setzt eine gründliche Durcharbeit und Besprechung des Textes voraus. Einige Fragen eignen sich für kurze schriftliche Stellungnahmen, die im Unterricht gegeben und anschließend gemeinsam verglichen und besprochen werden können.
Die Sätze in den Übungen B sind „Übersetzungen“ auffälliger Ausdrucksformen des Textes. Durch „Rückübersetzung“ kann der Schüler nachweisen, ob er sich diese Ausdrucksformen zu eigen gemacht hat, und vor allem, ob er die damit verbundene grammatische Umstrukturierung des Satzes und seiner Inhalte beherrscht. Die in Klammern stehenden Ziffern hinter jedem Satz verweisen auf die betreffende Textstelle. Diese Aufgabe zielt auf eine Erweiterung der Sprachkompetenz des Schülers ab.
Dem gleichen Ziel dienen die Aufgaben zur Erweiterung des Wortschatzes und des Ausdrucks (C). Der Lehrer soll hier das im Text vorgestellte Sprachmaterial im Gespräch mit der Klasse ergänzen und erweitern.
In den Übungen Ergänzen Sie die fehlenden Wörter und Endungen (D) werden bestimmte Satzstrukturen des Textes herausgestellt, in die der Schüler die ausgelassenen Funktionskennzeichen und Funktionswörter einsetzen soll. An diesen Übungen zeigt der Schüler, wie weit er mit dem gegebenen Wortmaterial grammatisch richtig umgehen kann.
Die Übungsgruppen E enthalten aus dem Text herausgezogene idiomatische Redewendungen, die in der vorgegebenen Form umgeformt werden sollen. Diese Übungen fördern den Schülern im Gebrauch einer mit idiomatischen Wendungen bereicherten Sprache.
Der Sprachschüler muß laufend im mündlichen und schriftlichen Gebrauch der zu erlernenden Sprache überprüft werden. Ergänzende Sprachübungen, die über das in den Textheften vorhandene Übungsangebot hinausgehen, sind in den Sprachheften enthalten. Dort werden Sprachübungen systematisch nach Funktionen und Satzstrukturformen angeboten, die den Formenbestand des Deutschen und seine Anwendung zeigen. Nach diesen Sprachheften kann der Lehrer sein sprachliches Unterrichtsprogramm individuell zusammenstellen, entsprechend den Ausgangskenntnissen und dem Unterrichtsziel seiner Klasse. In der Deutschen Grammatik im Überblick findet der Schüler Übersichten über das Formen- system und über die Satzsysteme des Deutschen. Ein Wörterbuch und eine Übersichtsgrammatik sollten fortgeschrittene Sprachschüler bei ihrer Lernarbeit stets zu Rate ziehen können.

Bayerisch Gmain, im Januar 1972
Heinz Griesbach
Rosemarie Griesbach

Kommentare

  • bearbeitet 9. March
    Heinrich Böll
    Unberechenbare Gäste

    Ich habe nichts gegen Tiere, im Gegenteil: ich mag sie, und ich liebe es, abends das Fell unseres Hundes zu kraulen, während die Katze auf meinem Schoß sitzt. Es macht mir Spaß, den Kindern zuzusehen, die in der Wohnzimmerecke die Schildkröte füttern. Sogar das kleine Nilpferd, das wir in unserer Badewanne halten, ist mir ans Herz gewachsen, und die Kaninchen, die in unserer Wohnung frei herumlaufen, regen mich schon lange nicht mehr auf. Außerdem bin ich gewohnt, abends unerwarteten Besuch vorzufinden: ein piepsendes Küken oder einen herrenlosen Hund, dem meine Frau Unterkunft gewährt hat. Denn
    meine Frau ist eine gute Frau, sie weist niemanden von der Tür, weder Mensch noch Tier, und schon lange ist dem Abendgebet unserer Kinder die Floskel angehängt: Herr, schicke uns Bettler und Tiere.
    Schlimmer ist schon, daß meine Frau auch Vertretern und Hausierern gegenüber keinen Widerstand kennt, und so häufen sich bei uns Dinge, die ich für überflüssig halte: Seife, Rasierklingen, Bürsten und Stopfwolle, und in Schubladen liegen Dokumente herum, die mich beunruhigen: Versicherungs- und Kaufverträge verschiedener Art.

    Meine Söhne sind in einer Ausbildungs-, meine Töchter in einer Aussteuerversicherung, doch können wir sie bis zur Hochzeit oder bis zur Ablegung des zweiten Staatsexamens weder mit Stopfwolle noch mit Seife füttern, und selbst Rasierklingen sind nur in Ausnahmefällen dem menschlichen Organismus zuträglich. So wird man
    begreifen, daß ich hin und wieder Anfälle leichter Ungeduld zeige, obwohl ich im allgemeinen als ruhiger Mensch bekannt bin. Oft ertappe ich mich dabei, daß ich neidisch die Kaninchen betrachte, die es sich unter dem Tisch gemütlich machen und seelenruhig an Mohrrüben herumknabbern, und der stupide Blick des Nilpferds, das in unserer Badewanne die Schlammbildung beschleunigt, veranlaßt mich, ihm manchmal die Zunge herauszustrekken. Auch die Schildkröte, die stoisch an Salatblättern herumfrißt, ahnt nicht im geringsten, welche Sorgen mein Herz bewegen: die Sehnsucht nach einem frisch duftenden Kaffee, nach Tabak, Brot und Eiern und der wohligen Wärme, die der Schnaps in den Kehlen sorgenbeladener Menschen hervorruft. Mein einziger Trost ist dann Bello, unser Hund, der vor Hunger gähnt wie ich. Kommen dann noch unerwartete Gäste: Zeitgenossen, die unrasiert sind wie ich, oder Mütter mit Babies, die mit heißer Milch getränkt, mit aufgeweichtem Zwieback gespeist werden, so muß ich an mich halten, um meine Ruhe zu bewahren.
    Aber ich bewahre sie, weil sie fast mein einziger Besitz geblieben ist. Es kommen Tage, so der bloße Anblick frischgekochter, gelber Kartoffeln mir das Wasser in den Mund treibt; denn schon lange — dies gebe ich nur zögernd und mit heftigem Erröten zu —, schon lange verdient unsere Küche die Bezeichnung bürgerlich nicht mehr. Von Tieren und von menschlichen Gästen umgeben, nehmen wir nur hin und wieder, stehend, eine improvisierte Mahlzeit ein.

    Zum Glück ist meiner Frau nun für längere Zeit der Ankauf von unnützen Dingen unmöglich gemacht, denn wir besitzen kein Bargeld mehr, meine Gehälter sind auf
    unbestimmte Zeit gepfändet, und ich selbst bin gezwungen, in einer Verkleidung, die mich unkenntlich macht, in fernen Vororten Rasierklingen, Seife und Knöpfe in den Abendstunden weit unter Preis zu verkaufen; denn unsere Lage ist bedenklich geworden. Immerhin besitzen wir einige Zentner Seife, Tausende von Rasierklingen, Knöpfe jeglichen Sortiments, und ich taumele gegen Mitternacht heim, suche Geld aus meinen Taschen zusammen: meine Kinder, meine Tiere, meine Frau umstehen mich mit glänzenden Augen, denn ich habe meistens unterwegs eingekauft: Brot, Apfel, Fett, Kaffee und Kartoffeln, eine Speise übrigens, nach der Kinder wie Tiere heftig verlangen, und zu nächtlicher Stunde vereinigen wir uns in einem fröhlichen Mahl: zufriedene Tiere, zufriedene Kinder umgeben mich, meine Frau lächelt mir zu, und wir lassen die Tür unseres Wohnzimmers dann offenstehen, damit das Nilpferd sich nicht ausgeschlossen fühlt, und sein fröhliches
    Grunzen tönt aus dem Badezimmer zu uns herüber. Meistens gesteht mir dann meine Frau, daß.sie in der Vorratskammer noch einen zusätzlichen Gast versteckt hält, den man mir erst zeigt, wenn meine Nerven durch eine Mahlzeit gestärkt sind: schüchterne, unrasierte Männer nehmen dann händereibend am Tisch Platz, Frauen drücken sich zwischen unsere Kinder auf die Sitzbank, Milch wird für schreiende Babies erhitzt. Auf diese Weise lerne ich dann auch Tiere kennen, die mir ungeläufig waren: Möwen, Füchse und Schweine, und einmal war es ein kleines Dromedar.

    »Ist es nicht süß?« fragte meine Frau, und ich sagte notgedrungen, ja, es sei süß, und beobachtete beunruhigt das unermüdliche Mampfen dieses pantoffelfarbenen Tieres, das uns aus schiefergrauen Augen anblickte. Zum Glück blieb das Dromedar nur eine Woche, und meine Geschäfte gingen gut: die Qualität meiner Ware, meine herabgesetzten Preise hatten sich rundgesprochen, und ich konnte hin und wieder sogar Schnürsenkel verkaufen und Bürsten, Artikel, die sonst nicht sehr gefragt sind. So erlebten wir eine gewisse Scheinblüte, und meine Frau — in völliger Verkennung der ökonomischen Fakten — brachte einen Spruch auf, der mich beunruhigte: »Wir sind auf dem aufsteigenden Ast.« Ich jedoch sah unsere Seifenvorräte schwinden, die Rasierklingen abnehmen, und nicht einmal der Vorrat an Bürsten und Stopfwolle war mehr erheblich.
    Gerade zu diesem Zeitpunkt, wo eine seelische Stärkung mir wohlgetan hätte, machte sich eines Abends, während wir friedlich beisammensaßen, eine Erschütterung unseres
    Hauses bemerkbar, die der eines mittleren Erdbebens glich: die Bilder wackelten, der Tisch bebte, und ein Kranz gebratener Blutwurst rollte von meinem Teller. Ich wollte aufspringen, mich nach der Ursache umsehen, als ich unterdrücktes Lachen auf den Mienen meiner Kinder
    bemerkte. »Was geht hier vor sich?« schrie ich, und zum ersten Mal in meinem abwechslungsreichen Leben war ich wirklich außer Fassung.
    »Walter«, sagte meine Frau leise und legte die Gabel hin, »es ist ja nur Wollo.«
    Sie begann zu weinen, und gegen ihre Tränen bin ich machtlos; denn sie hat mir sieben Kinder geschenkt.
    »Wer ist Wollo?« fragte ich müde, und in diesem Augenblick wurde das Haus wieder durch ein Beben erschüttert. »Wollo«, sagte meine jüngste Tochter, »ist der
    Elefant, den wir jetzt im Keller haben.«
    Ich muß gestehen, daß ich verwirrt war, und man wird meine Verwirrung verstehen. Das größte Tier, das wir beherbergt hatten, war das Dromedar gewesen, und ich
    fand einen Elefanten zu groß für unsere Wohnung, denn wir sind der Segnungen des sozialen Wohnungsbaues noch nicht teilhaftig geworden.
    Meine Frau und meine Kinder, nicht im geringsten so verwirrt wie ich, gaben Auskunft: von einem bankerotten Zirkusunternehmen war das Tier bei uns sichergestellt
    worden. Die Rutsche hinunter, auf der wir sonst unsere Kohlen befördern, war es mühelos in den Keller gelangt.
    »Es rollte sich zusammen wie eine Kugel«, sagte mein ältester Sohn, »wirklich ein intelligentes Tier.« Ich zweifelte nicht daran, fand mich mit Wollos Anwesenheit ab und wurde unter Triumph in den Keller geleitet. Das Tier war nicht übermäßig groß, wackelte mit den Ohren und schien sich bei uns wohl zu fühlen, zumal ein Ballen Heu zu seiner Verfügung stand. »Ist er nicht süß?« fragte meine Frau, aber ich weigerte mich, das zu bejahen. Süß schien mir
    nicht die passende Vokabel zu sein. Überhaupt war die Familie offenbar enttäuscht über den geringen Grad meiner Begeisterung, und meine Frau sagte, als wir den Keller verließen: »Du bist gemein, willst du denn, daß es unter den Hammer kommt?« »Was heißt hier Hammer«, sagte ich, »und was heißt gemein, es ist übrigens strafbar, Teile einer Konkursmasse zu verbergen.«
    »Das ist mir gleich«, sagte meine Frau, »dem Tier darf nichts geschehen.«
    Mitten in der Nacht weckte uns der Zirkusbesitzer, ein schüchterner dunkelhaariger Mann, und fragte, ob wir nicht noch Platz für ein Tier hätten. »Es ist meine ganze Habe, mein letzter Besitz. Nur für eine Nacht. Wie geht es übrigens dem Elefanten?«
    »Gut«, sagte meine Frau, »nur seine Verdauung macht mir Kummer.«

    »Das gibt sich«, sagte der Zirkusbesitzer, »es ist nur die Umstellung. Die Tiere sind so sensibel. Wie ist es — nehmen Sie die Katze noch — für eine Nacht?« Er sah mich an, und meine Frau stieß mich in die Seite und sagte: »Sei doch nicht so hart.«
    »Hart«, sagte ich, »nein, hart will ich nicht sein. Meinetwegen leg die Katze in die Küche.«

    »Ich hab sie draußen im Wagen«, sagte der Mann.
    Ich überließ die Unterbringung der Katze meiner Frau und kroch ins Bett zurück. Meine Frau sah ein wenig blaß aus, als sie ins Bett kam, und ich hatte den Eindruck, sie zitterte ein wenig.
    »Ist dir kalt?« fragte ich.
    »Ja«, sagte sie, »mich fröstelt's so komisch.«
    »Das ist nur Müdigkeit.«
    »Vielleicht ja«, sagte meine Frau, aber sie sah mich dabei so merkwürdig an. Wir schliefen ruhig, nur sah ich im Traum immer den merkwürdigen Blick meiner Frau auf mich gerichtet, und unter einem seltsamen Zwang erwachte ich früher als gewöhnlich. Ich beschloß, mich einmal zu rasieren.
    Unter unserem Küchentisch lag ein mittelgroßer Löwe: er schlief ganz ruhig, nur sein Schwanz bewegte sich ein wenig, und es verursachte ein Geräusch, wie wenn jemand mit einem sehr leichten Ball spielt.

    Ich seifte mich vorsichtig ein und versuchte, kein Geräusch zu machen, aber als ich mein Gesicht nach rechts drehte, um meine linke Wange zu rasieren, sah ich, daß der Löwe die Augen offenhielt und mir zublickte. »Sie sehen tatsächlich wie Katzen aus«, dachte ich. Was der Löwe dachte, ist mir unbekannt: er beobachtete mich weiter, und ich rasierte mich, ohne mich zu schneiden, muß aber hinzufügen, daß es ein merkwürdiges Gefühl ist, sich in Gegenwart eines Löwen zu rasieren. Meine Erfahrungen im Umgang mit Raubtieren waren minimal, und ich beschränkte mich darauf, den Löwen scharf anzublicken, trocknete mich ab und ging ins Schlafzimmer zurück.
    Meine Frau war schon wach, sie wollte gerade etwas sagen, aber ich schnitt ihr das Wort ab und rief: »Wozu da noch sprechen!« Meine Frau fing an zu weinen, und ich legte meine Hand auf ihren Kopf und sagte: »Es ist immerhin ungewöhnlich, das wirst du zugeben.«
    »Was ist nicht ungewöhnlich?« sagte meine Frau, und darauf wußte ich keine Antwort.

    Inzwischen waren die Kaninchen erwacht, die Kinder lärmten im Badezimmer, das Nilpferd — es hieß Gottlieb — trompetete schon, Bello räkelte sich, nur die Schildkröte schlief noch — sie schläft übrigens fast immer.
    Ich ließ die Kaninchen in die Küche, wo ihre Futterkiste unter dem Schrank steht: die Kaninchen beschnupperten den Löwen, der Löwe die Kaninchen, und meine Kinder — unbefangen und den Umgang mit Tieren gewöhnt, wie sie sind — waren längst auch in die Küche gekommen. Mir schien fast, als lächle der Löwe: mein drittjüngster Sohn hatte sofort einen Namen für ihn: Bombilus. Dabei blieb es.
    Einige Tage später wurden Elefant und Löwe abgeholt.
    Ich muß gestehen, daß ich den Elefanten ohne Bedauern schwinden sah; ich fand ihn albern, während der ruhige, freundliche Ernst des Löwen mein Herz gewonnen hatte, so daß Bombilus' Weggang mich schmerzte. Ich hatte mich so an ihn gewöhnt: er war eigentlich das erste Tier, das meine volle Sympathie genoß. Er war von unendlicher Geduld den Kindern gegenüber, innige Freundschaft verband ihn mit den Kaninchen, und wir hatten ihn daran gewöhnt, sich mit Blutwurst zu begnügen, einem Nahrungsmittel, das ja nur scheinbar eine Fleischspeise ist.
    Es tat mir so weh, als Bombilus ging, während Wollos Verschwinden mir eine Erleichterung bedeutete. Ich sagte es meiner Frau, während wir beobachteten, wie der Zirkusmann die Tiere verlud. »Oh«, sagte meine Frau, »du kannst hart sein.« — »Findest du?« sagte ich. »Ja, manchmal kannst du es sein.« Aber ich bin nicht sicher, daß sie recht hat.
  • bearbeitet 9. March
    Werner Finck
    Fasse dich kurz!

    In jeder besseren Telefonzelle hängt das bekannte Schild mit der Aufschrift: Fasse dich kurz! Nimm Rücksicht auf die Wartenden! Dieser Satz entbehrt zu seiner Wirksamkeit eines Nachsatzes: Zur Belohnung wird dir dein Gespräch nicht angerechnet. Denn es richtet sich ja die Mahnung an die Rücksichtslosen. Die andern fassen sich ja ohnehin kurz. Und die Rücksichtslosen tun oder lassen etwas nur, wenn sie sich einen Vorteil davon versprechen. Den Vorteil hätten aber nur die Wartenden.
    Wer bei den Rücksichtslosen etwas erreichen will, muß es anders anfangen. Er muß sie zwingen.
    Ein klassisches Beispiel hierfür ist die automatische Hausbeleuchtung. Sie bittet nicht, sie handelt. Noch der Rücksichtsloseste wird im Dunkeln stehen, wenn er die ihm zustehende Zeit des Kommens und Gehens ungebührlich überschreitet. Aus diesem leuchtenden Vorbild erhellt, daß Rücksichtslosigkeit zu bekämpfen ist.
    Die Rücksichtslosen sind in der ganzen Welt ebenso verhaßt wie die Rücksichtsvollen beliebt. Aber nur, solange sie ihr Ziel verfolgen. Haben sie es erreicht, so werden sie von allen beneidet. Wenn wir daher auf der Höhe unseres Lebens die Wahl haben würden, rücksichtslos zu sein oder rücksichtsvoll, so würde sich die Mehrheit von uns für rücksichtslos entscheiden und nur ein Zehntel für rücksichtsvoll. Auch dieses restliche Zehntel würde zum größten Teil aus solchen bestehen, die sich ihr Bett bereits prima gemacht und die nun auch das sanfte Ruhekissen des Rücksichtsvollen haben möchten, und nur zum kleinsten Bruchteil aus solchen, die schon ihr Leben lang rücksichtsvoll gewesen waren und die es trotzdem und dennoch weiterhin bleiben möchten.
    Wie gesagt, nur Belohnung oder Strafe vermögen der Rücksichtslosigkeit etwas anzuhaben. Solange die Strafe der Tat auf dem Fuße folgen konnte, ging es ja noch einigermaßen.
    Aber dann kam die Erfindung des Automobils. Diese Erfindung verschaffte der Rücksichtslosigkeit einen ungeahnten Vorsprung, der immer größer wird, je schneller die Autos fahren können. Und eine Strafe, die der Tat auf dem Pneu folgt, ist selten.
    So wird an die Vernunft der Autorisierten appelliert. Dem »Fasse dich kurz« entsprechen die Geschwindigkeitsschilder auf den Straßen. Es sind Ansprachen in roten, blauen, gelben, schwarzen Punkten, Kreisen, Strichen und Figuren, deren gemeinsamer Tenor lautet: Fahrt vorsichtig! Nehmt Rücksicht auf die Lebenden!
    Schilder verhängen aber keine Strafen, und sie erteilen keine Belohnungen. Sie bremsen nicht, sie schießen nicht, und der rücksichtslose Autofahrer mißachtet sie doch.
  • Max Frisch
    Geschichte von Isidor

    Ich werde ihr die kleine Geschichte von Isidor erzählen. Eine wahre Geschichte! Isidor war Apotheker, ein gewissenhafter Mensch also, der dabei nicht übel verdiente, Vater von etlichen Kindern und Mann im besten Mannesalter, und es braucht nicht betont zu werden, daß Isidor ein getreuer Ehemann war. Trotzdem vertrug er es nicht, immer befragt zu werden, wo er gewesen wäre. Darüber konnte er rasend werden, innerlich rasend, äußerlich ließ er sich nichts anmerken. Es lohnte keinen Streit, denn im Grunde, wie sagt, war es eine glückliche Ehe.

    Eines schönen Sommers unternahmen sie, wie es damals gerade Mode war, eine Reise nach Mallorca, und abgesehen von ihrer steten Fragerei. die ihn im stillen ärgerte, ging alles in bester Ordnung. Isidor konnte ausgesprochen zärtlich sein, sobald er Ferien hatte. Das schöne Avignon entzückte sie beide; sie gingen Arm in Arm. Isidor und seine Frau, die man sich als eine sehr liebenswerte Frau vorzustellen hat, waren genau neun Jahre verheiratet, als sie in Marseille ankamen. Das Mittelmeer leuchtete wie auf einem Plakat. Zum stillen Ärger seiner Gattin, die bereits auf dem Mallorca-Dampfer stand, hatte Isidor noch im letzten Moment irgendeine Zeitung kaufen müssen. Ein wenig, mag sein, tat er es aus purem Trotz gegen ihre Fragerei, wohin er denn ginge. Weiß Gott, er hatte es nicht gewußt; er war einfach, da ihr Dampfer noch nicht fuhr, nach Männerart ein wenig geschlendert.

    Aus purem Trotz, wie gesagt, vertiefte er sich in eine französische Zeitung, und während seine Gattin tatsächlich nach dem malerischen Mallorca reiste, fand sich Isidor, als er endlich von einem dröhnenden Tüten erschreckt aus seiner Zeitung aufblickte, nicht an der Seite seiner Gattin, sondern auf einem ziemlich dreckigen Frachter, der, übervoll beladen mit lauter Männern in gelber Uniform, ebenfalls unter Dampf stand. Und eben wurden die großen Taue gelöst. Isidor sah nur noch, wie die Mole sich entfernte.

    Ob es die hundsföttische Hitze oder der Kinnhaken eines französischen Sergeanten gewesen, was ihm kurz darauf das Bewußtsein nahm, kann ich nicht sagen; hingegen wage ich mit Bestimmtheit zu behaupten, daß Isidor, der Apotheker, in der Fremdenlegion ein härteres Leben hatte als zuvor. An Flucht war nicht zu denken. Das gelbe Fort, wo Isidor zum Mann erzogen wurde, stand einsam in der Wüste, deren Sonnenuntergänge er schätzen lernte. Gewiß dachte er zuweilen an seine Gattin, wenn er nicht einfach zu müde war, und hätte ihr wohl auch geschrieben; doch Schreiben war nicht gestattet. Frankreich kämpfte noch immer gegen den Verlust seiner Kolonien, so daß Isidor bald genug in der Welt herumkam, wie er sich nie hätte träumen lassen. Er vergaß seine Apotheke, versteht sich, wie andere ihre kriminelle Vergangenheit.

    Mit der Zeit verlor Isidor sogar Heimweh nach dem Land, das seine Heimat zu sein den schriftlichen Anspruch stellte, und es war - viele Jahre später - eine pure Anständigkeit von Isidor, als er eines schönen Morgens durch das Gartentor trat, bärtig, hager wie er nun war, den Tropenhelm unter dem Arm, damit die Nachbarn seines Eigenheims, die den Apotheker längstens zu den Toten rechneten, nicht in Aufregung gerieten über seine immerhin ungewohnte Tracht; selbstverständlich trug er auch einen Gürtel mit Revolver. Es war ein Sonntagmorgen, Geburtstag seiner Gattin, die er, wie schon erwähnt, liebte, auch wenn er in all den Jahren nie eine Karte geschrieben hatte.

    Einen Atemzug lang, das unveränderte Eigenheim vor Augen, die Hand noch an dem Gartentor, das ungeschmiert war und girrte wie je, zögerte er. Fünf Kinder, die nicht ohne Ähnlichkeit mit ihm, aber alle um sieben Jahre gewachsen, so daß ihre Erscheinung ihn befremdete, schrieen schon von weitem: Der Papi! Es gab kein Zurück. Und Isidor schritt weiter als Mann, der er in harten Kämpfen geworden war, und in der Hoffnung, daß seine liebe Gattin, sofern sie zu Hause war, ihn nicht zur Rede stellen würde.
    Er schlenderte den Rasen hinauf, als käme er wie gewöhnlich aus seiner Apotheke, nicht aber aus Afrika und Indochina. Die Gattin saß sprachlos unter einem neuen Sonnenschirm. Auch den köstlichen Morgenrock, den sie trug, hatte Isidor noch nie gesehen. Ein Dienstmädchen, ebenfalls eine Neuheit, holte sogleich eine weitere Tasse für den bärtigen Herrn, den sie ohne Zweifel, aber auch ohne Mißbilligung als den neuen Hausfreund betrachtete. Kühl sei es hierzulande, meinte Isidor, indem er sich die gekrempelten Hemdärmel wieder heruntermachte. Die Kinder waren selig, mit dem Tropenhelm spielen zu dürfen, was natürlich nicht ohne Zank ging, und als der frische Kaffee kam, war es eine vollendete Idylle, Sonntagmorgen mit Glockenläuten und Geburtstagstorte. Was wollte Isidor mehr! Ohne jede Rücksicht auf das neue Dienstmädchen, das gerade noch das Besteck hinlegte, griff Isidor nach seiner Gattin.

    "Isidor!" sagte sie und war außerstande, den Kaffee einzugießen, so daß der bärtige Gast es selber machen mußte.

    "Was denn!" fragte er zärtlich, indem er auch ihre Tasse füllte.

    "Isidor!" sagte sie und war dem Weinen nahe. Er umarmte sie. "Isidor!" fragte sie, "wo bist du nur so lange gewesen?"

    Der Mann, einen Augenblick lang wie betaubt, setzte seine Tasse nieder; er war es einfach nicht mehr gewohnt, verheiratet zu sein, und stellte sich vor einen Rosenstock, die Hände in den Hosentaschen.

    "Warum hast du nie auch nur eine Karte geschrieben?" fragte sie.

    Darauf nahm er den verdutzten Kindern wortlos den Tropenhelm weg, setzte ihn mit dem knappen Schwung der Routine auf seinen eigenen Kopf, was den Kindern einen für die Dauer ihres Lebens unauslöschlichen Eindruck hinterlassen haben soll, Papi mit Tropenhelm und Revolvertasche, alles nicht bloß echt, sondern sichtlich vom Gebrauche etwas abgenutzt, und als die Gattin sagte:

    "Weißt du, Isidor, das hättest du wirklich nicht tun dürfen!" war es für Isidor genug der trauten Heimkehr, er zog (wieder mit dem knappen Schwung der Routine, denke ich) den Revolver aus dem Gurt, gab drei Schüsse mitten in die weiche, bisher noch unberührte und mit Zuckerschaum verzierte Torte, was, wie man sich wohl vorstellen kann, eine erhebliche Schweinerei verursachte.
    "Also Isidor!" schrie die Gattin, denn ihr Morgenrock war über und über von Schlagrahm verspritzt, ja, und wären nicht die unschuldigen Kinder als Augenzeugen gewesen, hätte sie jenen ganzen Besuch, der übrigens kaum zehn Minuten gedauert haben dürfte, für eine Halluzination gehalten. Von ihren fünf Kindern umringt, einer Niobe ähnlich, sah sie nur noch, wie Isidor, der Unverantwortliche, mit gelassenen Schritten durch das Gartentor ging, den unmöglichen Tropenhelm auf dem Kopf. Nach jenem Schock konnte die arme Frau nie eine Torte sehen, ohne an Isidor denken zu müssen, ein Zustand, der sie erbarmenswürdig machte, und unter vier Augen, insgesamt etwa unter sechsunddreißig Augen riet man ihr zur Scheidung. Noch aber hoffte die tapfere Frau. Die Schuldfrage war ja wohl klar. Noch aber hoffte sie auf seine Reue, lebte ganz den fünf Kindern, die von Isidor stammten, und wies den jungen Rechtsanwalt, der sie nicht ohne persönliche Teilnahme besuchte und zur Scheidung drängte, ein weiteres Jahr lang ab, einer Penelope ähnlich.

    Und in der Tat, wieder war's ihr Geburtstag, kam Isidor nach einem Jahr zurück, setzte sich nach üblicher Begrüßung, krempelte die Hemdärmel herunter und gestattete den Kindern abermals, mit seinem Tropenhelm zu spielen, doch dieses Mal dauerte ihr Vergnügen, einen Papi zu haben, keine drei Minuten.

    "Isidor!" sagte die Gattin, "wo bist du denn jetzt wieder gewesen?"

    Er erhob sich, ohne zu schießen, Gott sei Dank, auch ohne den unschuldigen Kindern den Tropenhelm zu entreißen, nein, Isidor erhob sich nur, krempelte seine Hemdärmel wieder herauf und ging durchs Gartentor, um nie wiederzukommen. Die Scheidungsklage unterzeichnete die arme Gattin nicht ohne Tränen, aber es mußte ja wohl sein, zumal sich Isidor innerhalb der gesetzlichen Frist nicht gemeldet hatte, seine Apotheke wurde verkauft, die zweite Ehe in schlichter Zurückhaltung gelebt und nach Ablauf der gesetzlichen Frist auch durch das Standesamt genehmigt, kurzum, alles nahm den Lauf der Ordnung, was ja zumal für die heranwachsenden Kinder so wichtig war. Eine Antwort, wo Papi sich mit dem Rest seines Erdenlebens herumtrieb, kam nie. Nicht einmal eine Ansichtskarte, Mami wollte auch nicht, daß die Kinder danach fragten; sie hatte ja Papi selber nie danach fragen dürfen...
  • Wolfgang Hildesheimer
    Eine größere Anschaffung

    Eines Abends saß ich im Dorfwirtshaus vor (genauer gesagt, hinter) einem Glas Bier, als ein Mann gewöhnlichen Aussehens sich neben mich setzte und mich mit gedämpft-vertraulicher Stimme fragte, ob ich eine Lokomotive kaufen wolle. Nun ist es zwar ziemlich leicht, mir etwas zu verkaufen, denn ich kann schlecht nein sagen, aber bei einer größeren Anschaffung dieser Art schien mir doch Vorsicht am Platze. Obgleich ich wenig von Lokomotiven verstehe, erkundigte ich mich nach Typ, Baujahr und Kolbenweite, um bei dem Mann den Anschein zu erwecken, als habe er es hier mit einem Experten zu tun, der nicht gewillt sei, die Katze im Sack zu kaufen. Ob ich ihm wirklich diesen Eindruck vermittelte, weiß ich nicht; jedenfalls hab er bereitwillig Auskunft und zeigte mir Ansichten, die das Objekt von vorn, von hinten und von den Seiten darstellten. Sie sah gut aus, diese Lokomotive, und ich bestellte sie, nachdem wir uns vorher über den Preis geeinigt hatten. Denn sie war bereits gebraucht, und obgleich Lokomotiven sich bekanntlich nur sehr langsam abnützen, war ich nicht gewillt, den Katalogpreis zu zahlen.

    Schon in derselben Nacht wurde die Lokomotive gebracht. Vielleicht hätte ich dieser allzu kurzfristigen Lieferung entnehmen sollen, dass dem Handel etwas Anrüchiges innewohnte, aber arglos wie ich war, kam ich nicht auf die Idee. Ins Haus konnte ich die Lokomotive nicht nehmen, die Türen gestatteten es nicht, zudem wäre es wahrscheinlich unter der Last zusammengebrochen, und so mußte sie in die Garage gebracht werden, ohnehin der angemessene Platz für Fahrzeuge. Natürlich ging sie der Länge nach nur etwa halb hinein, dafür war die Höhe ausreichend; denn ich hatte in dieser Garage früher einmal einen Fesselballon untergebracht, aber der war geplatzt.

    Bald nach dieser Anschaffung besuchte mich mein Vetter. Er ist ein Mensch, der, jeglicher Spekulation und Gefühlsäußerung abhold, nur die nackten Tatsachen gelten läßt. Nichts erstaunte ihn, er weiß alles, bevor man es ihm erzählt, weiß es besser und kann alles erklären. Kurz, ein unausstehlicher Mensch. Wir begrüßten einander, und um die darauffolgende peinliche Pause zu überbrücken, begann ich: „Diese herrlichen Herbstdüfte …“ – „Welkendes Kartoffelkraut“, entgegnete er, und an sich hatte er recht. Fürs erste steckte ich es auf und schenkte mir von dem Kognak ein, den er mitgebracht hatte. Er schmeckte nach Seife, und ich gab dieser Empfindung Ausdruck. Er sagte, der Kognak habe, wie ich auf dem Etikett ersehen könne, auf den Weltausstellungen in Lüttich und Barcelona große Preise, in St. Louis gar die goldene Medaille erhalten, sei daher gut. Nachdem wir schweigend mehrere Kognaks getrunken hatten, beschloß er, bei mir zu übernachten, und ging den Wagen einstellen. Einige Minuten darauf kam er zurück und sagte mit leiser, leicht zittriger Stimme, dass in meiner Garage eine große Schnellzugslokomotive stünde. „Ich weiß“, sagte ich ruhig und nippte von meinem Kognak, „ich habe sie mir vor kurzem angeschafft.“ Auf seine zaghafte Frage, ob ich öfters damit fahre, sagte ich, nein, nicht oft, nur neulich, nachts, da hätte ich eine benachbarte Bäuerin, die ein freudiges Ereignis erwartete, in die Stadt ins Krankenhaus gefahren. Sie hätte noch in derselben Nacht Zwillingen das Leben geschenkt, aber das habe wohl mit der nächtlichen Lokomotivfahrt nichts zu tun. Übrigens war das alles erlogen, aber bei solchen Gelegenheiten kann ich der Versuchung nicht widerstehen, die Wirklichkeit ein wenig auszuschmücken. Ob er es geglaubt hat, weiß ich nicht, er nahm es schweigend zur Kenntnis, und es war offensichtlich, dass er sich bei mir nicht mehr wohl fühlte. Er wurde ganz einsilbig, trank noch ein Glas Kognak und verabschiedete sich. Ich habe ihn nicht mehr gesehen.

    Als kurz darauf die Meldung durch die Tageszeitungen ging, dass den französischen Staatsbahnen eine Lokomotive abhanden gekommen sei (sie sei eines Nachts vom Erdboden – genauer gesagt vom Rangierbahnhof – verschwunden), wurde mir natürlich klar, dass ich das Opfer eine unlauteren Transaktion geworden war. Deshalb begegnete ich auch dem Verkäufer, als ich ihn kurz darauf im Dorfgasthaus sah, mit zurückhaltender Kühle. Bei dieser Gelegenheit wollte er mir einen Kran verkaufen, aber ich wollte mich in ein Geschäft mit ihm nicht mehr einlassen, und außerdem, was soll ich mit einem Kran?
  • Hermann Kasack
    Mechanischer Doppelgänger

    »Ein Herr wünscht Sie zu sprechen«, meldete die Sekretärin. Ich las auf der Besuchskarte: Tobias Hull, B.A. – Keine Vorstellung. Auf meinen fragenden Blick: »Ein Herr in den besten Jahren, elegant.«

    Anscheinend ein Ausländer. Immer diese Störungen. Irgendein Vertreter. Oder? Was weiß man. – »Ich lasse bitten.«

    Herr Tobias Hull tritt mit vorsichtigen Schritten ein. Er setzt Fuß vor Fuß, als fürchtete er, zu stark aufzutreten. Ob er leidend ist? Ich schätze sein Alter auf Mitte vierzig. Eine große Freundlichkeit strahlt aus seinem glattrasierten, nicht unsympathischen Gesicht. Sehr korrekt angezogen, beinahe zu exakt in seinen verbindlichen Bewegungen, scheint mir. Nun, man wird sehen. Mit der Hand zum Sessel weisend: »Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?«

    »Oh! Ich wollte mich Ihnen nur vorstellen.«
    »Sehr angenehm«, sagte ich.
    »Oh! Sie verstehen.« Dieses mit einem leicht jaulenden Ton vorgebrachte Oh! ist unnachahmlich. Seine müde, etwas monotone Stimme hat einen kleinen fremden Akzent. Er sieht mich mit freundlicher Erwartung an.

    Über das Benehmen meines Besuchs doch ein wenig erstaunt, wiederhole ich: »Sehr angenehm. Aber darf ich Sie fragen – ». Da werde ich sogleich mit seinem »Oh!« unterbrochen. »Bitte fragen Sie mich nicht.« Und dann beginnt er seine Geschichte zu erzählen, die er anscheinend schon hundertmal vorgebracht hat. »Ich bin nämlich ausgestopft!«

    »Aber – erlauben Sie mal!«

    Das eigentümliche Wesen, das mich überlegen fixiert, beachtet den Einwurf nicht, sondern fährt unbeirrt fort: »Erschrecken Sie nicht, weil ich eine Art Automat bin, eine Maschine in Menschenform, ein Ersatz sozusagen. Mr. Tobias Hull existiert wirklich. Der Chef einer großen Fabrik zur Herstellung von mechanischen Doppelgängern. Ich bin, wie sagt man, seine Projektion, ja, Agent in Propaganda.«

    »Ich kann Ihnen natürlich meinen Mechanismus im einzelnen nicht erklären — Sie verstehen: Fabrikationsgeheimnis! Aber wenn Sie daran denken, dass die meisten Menschen heutzutage ganz schablonenmäßig leben, handeln und denken, dann werden Sie sofort begreifen, worauf sich unsere Theorie gründet! Herz und Verstand werden bei uns ausgeschaltet. Sie sind es ja, die im Leben so oft die störenden Komplikationen hervorrufen. Bei uns ersetzt die Routine alles. Sehr einleuchtend, nicht wahr?«

    Ich nickte verstört.

    »Oh! Mein Inneres ist ein System elektrischer Ströme, automatischer Hebel, großartig! Eine Antennenkonstruktion, die auf die feinsten Schwingungen reagiert. Sie lässt mich alle Funktionen eines menschlichen Wesens verrichten, ja, in gewisser Weise noch darüber hinaus. Sie sehen selbst, wie gut ich funktioniere.«

    Zweifelnd, misstrauisch betrachte ich das seltsame Geschöpf. »Unmöglich!« sage ich. »Ein Taschenspielertrick. Sehr apart. Indessen –»

    »Oh! Ich kann mich in sieben Sprachen verständigen. Wenn ich zum Beispiel den oberen Knopf meiner Weste drehe, so spreche ich fließend englisch, und wenn ich den nächsten Knopf berühre, so spreche ich fließend französisch, und wenn ich –»

    »Das ist wirklich erstaunlich«!

    »Oh! In gewisser Weise; vor allem aber angenehm. Wünschen Sie ein Gespräch über das Wetter, über Film, über Sport? Über Politik oder abstrakte Malerei? Fast alle Themen und Vokabeln des modernen Menschen sind in mir vorrätig. Auch eine Spule von Gemeinplätzen lässt sich abrollen.«

    »Alles sinnreich, komfortabel und praktisch. Wie angenehm wird es für Sie sein, wenn Sie sich erst einen mechanischen Doppelgänger von sich halten – oder besser, wenn Sie gleich zwei Exemplare von sich zur Verfügung haben. Sie könnten gleichzeitig verschiedene Dienstreisen unternehmen, an mehreren Tagungen teilnehmen, überall gesehen werden und selber obendrein ruhig zu Hause sitzen. Sie haben einen Stellvertreter Ihres Ich, der Ihre Geschäfte wahrscheinlich besser erledigt als Sie selbst.«

    »Sie werden das Doppelte verdienen und können Ihre eigene Person vor vielen Überflüssigkeiten des Lebens bewahren. Ihr Wesen ist vervielfältigt. Sie können sogar sterben, ohne dass die Welt etwas davon merkt. Denn wir Automaten beziehen unsere Existenz aus jeder Begegnung mit wirklichen Menschen.«

    »Aber dann werden ja die Menschen allmählich ganz überflüssig.«

    »Nein. Aus eben diesem Grunde nicht. Zwei Menschenautomaten können mit sich selber nur wenig anfangen. Haben Sie also einen Auftrag für mich?«

    Mit jähem Ruck sprang das Wesen auf und sauste im Zimmer hin und her.

    »Oh! Wir können auch die Geschwindigkeit regulieren. Berühmte Rennfahrer und Wettläufer halten sich schon lange Doppelgänger-Automaten, die ihre Rekorde ständig steigern.«

    »Fantastisch! Man weiß bald nicht mehr, ob man einen Menschen oder einen Automaten vor sich hat.«

    »Oh! zischte es an mein Ohr, »das letzte Geheimnis der Natur werden wir nie ergründen. – Darf ich also ein Duplikat von Ihnen herstellen lassen? Sie sind nicht besonders kompliziert zusammengesetzt, das ist günstig. Das hineingesteckte Kapital wird sich bestimmt rentieren. Morgen wird ein Herr kommen und Maß nehmen.«

    »Die Probe Ihrer Existenz war in der Tat verblüffend, jedoch –« Mir fehlten die Worte und ich tat so, als ob ich überlegte.

    »Jedoch, sagen Sie nur noch: Der Herr, der morgen kommen soll, ist das nun ein Automat oder ein richtiger Mensch?«

    »Ich nehme an doch ein richtiger Mensch. Aber es bliebe sich gleich. Guten Tag.«

    Mr. Tobias Hull war fort. Von Einbildung kann keine Rede sein, die Sekretärin ist mein Zeuge. Aber es muss diesem Gentlemangeschöpf unmittelbar nach seinem Besuch bei mir etwas zugestoßen sein, denn weder am nächsten noch an einem späteren Tag kam jemand, um für meinen Doppelgänger Maß zu nehmen. Doch hoffe ich, wenigstens durch diese Zeilen die Aufmerksamkeit der Tobias-Hull-Gesellschaft wieder auf meine Person zu lenken.

    Eines weiß ich seit jener Unterhaltung aber gewiss: Ich bin inzwischen vielen Menschen begegnet, im Theater und im Kino, bei Versammlungen und auf Gesellschaften, im Klub und beim Stammtisch, die bestimmt nicht sie selber waren, sondern bereits ihre mechanischen Doppelgänger.
  • bearbeitet 27. May
    Erich Kästner
    Sebastian ohne Pointe

    Sebastian Stock war ein glänzender Gesellschafter; er konnte geradezu für ein Genie der Konversation gelten — solange er allein war.
    Er litt am Dialog. Das ist eine Manie, die als Berufskrankheit der dramatischen Schriftsteller gilt; so wie die Leinenweber und die Säurenarbeiter, die Diamantenschleifer und die Grubenpferde, die Bierbrauer und die Opernsänger die ihre haben. Und sie besteht einfach darin, daß man in Dialogen denken muß. Freilich, harmlos klingt diese knappe Beschreibung nur dem, der jenen Jammer nie erfuhr. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Spielart des Verfolgungswahnes, der hier zwar an keine gegenständlichen Komplexe, dafür aber an eine ganz bestimmte Ausdrucksform (eben an den Dialog) gebunden ist.
    Der Kranke hat, beispielsweise, die Schneiderrechnung empfangen. Er liest eine ungewöhnlich hohe Summe, schüttelt den Kopf, beginnt im Zimmer zu wandern und unterhält sich mit dem Schneider, der — wohlgemerkt — gar nicht anwesend ist. Er macht ihm lebhafte Vorwürfe, läßt ihn (dessen Stimme er, laut und im Geiste, nachzuahmen sucht) besorgt und frech antworten, sinnt auf neue, treffendere Einwände, der Schneider erbost sich, der Kunde kann sich nicht länger beherrschen — der Streit ist vollkommen.

    Sebastian Stock litt schmerzlicher als die meisten seiner Leidensgefährten. Denn er war erstens kein Dramatiker, und zweitens besaß er den Ehrgeiz, aus seinem geheimen Leiden ein gesellschaftlich legitimes Talent machen zu wollen. Solange er insgeheim beide Rollen — die eigene und die des Gegenübers — zugleich spielte, so lange war er Meister. Sobald der andere aber zu existieren begann, seine Stimme tatsächlich erhob und, boshafterweise, ganz anders antwortete, als er, Stock, Materielle Schäden erwuchsen ihm aus seiner Untugend nicht. Er war der Erbe eines gut angelegten Vermögens. Nur in jenen Jahren, als das Sicherste am meisten trog, rächte sich sein Gebrechen auch einmal in dieser Weise. Man hatte ihn einem Bankdirektor empfohlen, der in der Lage war, ihm einen Posten zu verschaffen, wo er nichts verderben und einiges gewinnen konnte. Nun, diese Finanzgröße —namens Frank— lud ihn zum Abendessen ein. Beim Mokka wäre dann wohl die Petition zur Sprache gekommen... Aber Sebastian Stock ging während des Essens wieder.

    Lange bevor er der Einladung Folge leisten durfte, hatte er sich das Programm seines Auftretens zurechtgelegt. Zu Frau Frank wollte er sagen (da er mit ihr bereits telefoniert hatte): ,,Gnädige Frau sind mir bisher leider nur akustisch begegnet“ und zu ihm, falls dieser ihm das Brot reichen würde (für den Fall wollte Sebastian schon sorgen): „Besten Dank, verehrter Brotgeber.“

    Auf diese spielerischen Glossen war er stolz und erhoffte viel von ihnen.
    Selbstverständlich hatte er sich die dazu erforderlichen Mienen überlegt und am Spiegel geübt. Das Bonmot, das ihr galt, wollte er mit weltmännisch lässigem Lächeln würzen;
    und die dem Direktor zugedachte Bemerkung hoffte er durch ein Zwinkern von beziehungsreicher Dauer besonders wirksam zu gestalten.
    Es kam anders. Als er die Franksche Wohnung betreten hatte, kam ihm eine stattlich gekleidete, würdige Dame entgegen. Er machte eine untadelige Verbeugung und sagte — mit dem geplanten weltmännisch lässigen Lächeln, das ihm freilich ein wenig einfror: „Gnädige Frau sind mir leider bisher nur akustisch begegnet.“ Die Dame sah ihm skeptisch ins Auge und erklärte, die Herrschaften ließen sich für einen Moment entschuldigen, und er möge sie doch im Arbeitszimmer des Herrn Direktor erwarten.
    Sebastian nickte automatisch und tastete sich wie ein Blinder hinter der Hausdame her. Dann stand er fünf Minuten am Fenster eines Zimmers, das nach Leder roch, und überlegte krampfhaft: ob er den Versuch bei der rechtmäßigen Frau Frank wiederholen solle oder nicht. Er konnte sich nicht entscheiden. Aber als das Ehepaar erschien, verbiß er seine Redensart und benahm sich ungeschickt, da er nicht bei der Sache war. Man setzte sich zu Tisch. Und Sebastian bereitete den zweiten Coup vor, der ihm — das schwor er sich zu — nicht mißlingen sollte. Es ist begreiflich, daß er wenig sprach, noch weniger aß und statt dessen den silbernen Brotkorb so fest anstarrte, daß es Herrn Frank auffiel.
    Plötzlich schob sich also der silberne Brotkorb in Sebastians Gesichtsfeld, rückte näher und näher. Und wie aus dunkler Tiefe klang es an sein Ohr: „Lieber Herr Stock, darf ich mich, vorläufig auf diese Weise, als Brotgeber demonstrieren?“
    Das war nicht eigentlich taktvoll gesprochen. Aber vielleicht trug nur Sebastians Blick die Schuld? Jedenfalls: ihn schien der Blitz getroffen zu haben. Er wurde tiefrot, hustete und vergaß vor Empörung darüber, daß er beraubt worden war, Brot zu nehmen.
    Frank blickte erstaunt und hielt den Korb mit engelsgleicher Geduld über den Tisch.
    Dann ärgerte er sich seinerseits und bemerkte doppelsinnig: „Sie lehnen ab, Herr Stock?“

    Frank und Frau aßen eifriger, als es ihr Appetit guthieß — nur um ihren wunderlichen Gast nicht länger betrachten zu müssen. Sebastian begann sich selber lästig zu fallen. Er hatte Fieber und spürte, wie in ihm eine blindwütige Verlegenheit heranwuchs, der nichts und niemand standhalten würde.
    Etwas mußte geschehen. Seine Stimme zitterte, als spreche er ein Sterbe-gebet: „Gnädige Frau sind mir bisher leider nur akustisch begegnet.“ Frank und Frau blickten sich an und lachten zirka drei Minuten. Sie schrie fast vor Wonne und Nervosität, und ihre Miene bat nur zuweilen und höchst unzulänglich um Entschuldigung. Ruckartig brachte sie hervor: „ Ja... unsere Hausdame... erzählte schon davon... es ist... zu drollig!“
    Dann kreischte sie gemäßigt weiter, während sich der Gatte auf die Schenkel schlug und rief: „Menschenskind... Aber bester Herr Stock! . Wo haben Sie bloß den Blödsinn her?“
    Sebastian erhob sich steif, murmelte irgend etwas und verließ zunächst das Speisezimmer. Dann das Haus.
    Schließlich ging er auf Reisen, um die Wirkung dieses letzten Rezepts zu versuchen. Und als ihm seine rhetorische Absicht endlich einmal glückte, wurde sein ärgstes Mißgeschick daraus.
    Er war in einem großen Gebirgshotel abgestiegen, machte tagsüber Spaziergänge, saß abends, nach dem Diner, an einem der kleinen Hallentische und schaute den andern zu, als ob ihn ein Gitter von ihnen trenne. Er sah, wie sie tranken und tanzten, wie sie Flirts erledigten oder gar Leidenschaft mühevoll großzogen. So verging eine Woche. Und das Alleinsein fing an, ihn zu bedrängen.
    Eines Abends erblickte er einen gewissen Herrn Urban, den er aus der Vaterstadt flüchtig kannte, unter den Gästen. Urban setzte sich mit seiner Tochter an einen entfernten Tisch und verlor sich hinter einer Zeitung. Sebastian schlug das Herz. Seine Sehnsucht nach Geselligkeit wurde unbezwingbar, und in seinem Kopf begannen die Redensarten zu wirbeln. Endlich wurde sein Gesicht glücklicher. Das erlösende, das außergewöhnliche Wort schien gefunden.
    Als die Kapelle einen Tanz intonierte, erhob er sich und ging in jene Ecke, in der sich Urban und Tochter langweilten. Er verbeugte sich. Sie waren erfreut. Und noch ehe sie etwas hätten äußern können, blendete er sie durch ein schelmisches Lächeln, das kein Ende nahm; dann verbeugte er sich nochmals vor dem Vater und sagte mit schönem Nachdruck: ,,Verehrter Herr Urban, darf ich Sie um die Hand Ihres Fräulein Tochter bitten?“
    Er meinte nichts weiter als: Darf ich mit ihr eine Tour tanzen? Niemand wird das bezweifeln wollen. Aber Urban — heuchelte Unkenntnis, oder wußte er wirklich nichts über Sebastians Manie? —, Holzhändler Urban stand auf, klopfte ihm kernig auf die Schulter und rief: „Bravo, bravo! Ich schwärme für angenehme Überraschungen. Bitte nehmen Sie Platz, Sie eiliger Schwiegersohn! Haha! Nun, Lenchen, was sagst du zu dieser dringenden Nachfrage?“
    Lenchen Urban ordnete ihre Frisur und erklärte, ihr sei es schon recht.

    Jeder vernünftige Mensch hätte das Mißverständnis energisch aufgeklärt. Aber Sebastian Stock gehörte nicht zu ihnen. Und so wurde er mit einem Fräulein verheiratet, mit dem er nur hatte tanzen wollen. Seitdem geht er noch häufiger als ehedem in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Und wenn seine Frau, Lenchen Stock, das Ohr an die Tür legt — sie tut es kaum noch —, hört sie eilige Schritte und erregtes Murmeln und greift sich an den Kopf.
  • bearbeitet 27. May
    Ernst Kreuder
    Das überfüllte Gefängnis

    Ich weiß nicht", sagte der Gefängnisdirektor, "mir wird immer ungemütlicher. Können wir denn gar nichts gegen die Polizei unternehmen?"

    "Gegen die Polizei?" fragte der Vizedirektor.

    "Die leichteren Fälle müssen wir schon unters Dach stecken", sagte der Direktor, "und die Keller sind bereits überfüllt."

    "Keller sind eigentlich nicht zugelassen", sagte der Vize.

    "Eben", sagte der GD, "das Tageslicht, das jedem Sträfling zusteht, ist dort so gut wie nicht vorhanden. Nur Schatten. Es kann also nicht mehr so weitergehen mit den ständigen Neueinlieferungen."

    "Ich bitte Sie", sagte der Vize.

    "Wir sind kein Auffanglager", sagte der GD. "Staatsgefängnis", sagte der Vize.

    "Ich werde mit dem Polizeipräsidenten sprechen", sagte der GD, "rufen Sie ihn bitte an und fragen Sie ihn, wann er mich empfangen kann."

    Der Polizeipräsident hörte sich den Vortrag des Gefängnisdirektors an. "Irgendwelche Vorschläge?" fragte der PP geduldig.

    "Der Erweiterungsbau wurde nicht genehmigt", sagte der GD. "Ausbrüche finden kaum noch statt. Die Gerichte bleiben unansprechbar. Ich möchte Sie daher fragen, ob Ihre Polizisten in leichteren Fällen nicht von einer Anzeige absehen können?"

    "Die Anzeigen sind vorgeschrieben", sagte der PP, "welche leichteren Fälle?"

    "Ich möchte mich da nicht festlegen", sagte der GD. "Große Sorgen machen mir die Rückfälligen. Wegen einer Kleinigkeit kriegen sie jedesmal wieder Monate, wenn nicht Jahre aufgebrummt."

    "Kleinigkeiten?" fragte der PP.

    "Zwei bis drei Glas Helles", sagte der GD, "bei heißem Wetter. Dazu einen Klaren. Und dann ab durch die Toilette. Im Rückfall bekomme ich den Mann, der Durst und kein Geld hatte, wieder in mein überfülltes Haus."

    "Verstehe nicht ganz", sagte der PP.

    "An den Strafgesetzen", sagte der GD, "ist nicht zu rütteln. Ich bin jedoch verpflichtet, mein Gefängnis vor unzulässiger Überfüllung zu schützen. Ich darf ja nicht schließen."

    "Was erwarten Sie von mir?"

    "Rücksicht auf mein Gebäude, was die harmlosen Delikte betrifft. Wenn ein Kneipenhalter nach der Polizei ruft, ihn beruhigen, von Anzeigen oder Festnahmen absehen. Für den Zechpreller Stubenarrest, Hosenträger, Hemden und Schuhe wegnehmen."

    "Dazu sind meine Männer nicht berechtigt", sagte der PP. "Außerdem, was wird aus der unbezahlten Zeche?"

    "Inserieren", sagte der GD.

    "Wie bitte?"

    "Inserate aufgeben. Text: Lieber Steuerzahler! Wie lange sind Sie noch damit einverstanden, daß ein Mann, der einen Rollmops ißt oder ein Solei, dazu zwei bis drei Helle trinkt und ohne zu bezahlen verschwindet, als Rückfälliger dafür Monate oder Jahre drei warme Mahlzeiten täglich bekommt, ärztliche Behandlung, Logis, Wäsche, Licht und Heizung frei? Schicken Sie noch heute Ihre Meinung als Leserbrief an Ihre Tageszeitung und senden Sie eine kleine Spende auf unser Sonderkonto zur Erledigung unbezahlter Wirtshauszechen..."

    "Damit fallen Sie uns in den Rücken", unterbrach der PP.

    "Dann werde ich also illegal bauen lassen müssen", sagte der GD.

    "Das möchte ich überhört haben", sagte der PP und erhob sich. Die Unterredung war beendet."

    Am nächsten Morgen, nach der Gefängnisandacht, sagte der GD zu seinen Neu- und Alteingesessenen: "Leute! Es geht nicht mehr so weiter. Bevor ihr mir in den Kellern verschimmelt und unter den Dächern zusammenschrumpft, muß etwas unternommen werden. Schickt eure Obmänner nachher zu mir."

    Ein älterer, einarmiger Dauerinsasse rief "Hoch, hoch, hoch!" Die übrigen Gefangenen blieben stumm und blickten skeptisch.

    Die Obmänner traten ins Direktionsbüro. Die Wichen standen draußen, rauchten und knobelten.

    Jeder von euren Trupps", sagte der GD, "die zu Außenarbeiten kommandiert sind, bringt mir ab morgen in dem Lastwagen, mit dem er abends zurückgebracht wird, einen großen Stein mit. Es kann auch ein Brett sein, Dachpappe, Sand oder Zenent. Nägel, Schrauben, Kloben und Scharniere werden ebenfalls dringend gebraucht. Da uns die Mittel fehlen, anzubauen, werden wir um selbst helfen. Es sitzen bei uns nicht nur Maurer ihre Strafen ab, sondern auch Schlosser und Zimmerleute, Glaser und Ofensetzer. Zwei Architekten werden erst in einem Vierteljahr entlassen. Eingebrochen wird nicht! Was unterwegs ’rumliegt, herrenlos, darf mitgenommen werden, selbstverständlich unauffällig. Und nun ab mit euch."

    Die Neuigkeit schwirrte rascher durch das Staatsgefängnis, als voll-bezahlte Telegramme sie hätten zustellen können. In einer feuchten Kellerzelle sagte ein rheumatischer Einbrecher zu seinen Zellengenossen, einem asthmatischen Scheckfälscher: "Wir nehmen alles mit, was wir finden. Urd unter finden verstehe ich jedes Ding, das nicht angeschraubt ist. Aber warum läßt er uns nicht mal richtig ’ran? Ich würde auch einen Einbruch hinlegen – mir wird schwach, wenn ich bloß dran denke. Ein mittelgroßes Baugeschäft würde ich euch mit verbundenen Augen ausräumen!"

    "Doch wohl ’n bißchen umständlich", sagte der bleiche Asthmatiker. "Was wir dringend brauchen, ist Pinke, und zwar große Scheine. Gek mir einen Tag frei, und ich löse euch auf der Nationalbank einen Scheck ein, daß euch die Augen übergehen. Meine Unterschriften wirken so einwandfrei wie Wasserzeichen."

    In der glutheißen Mansardenzelle sagte ein ausgemergelter Fassadenkletterer zu einem herzkranken Waggonräuber: "Du brauchst bloß morgen abend mal den Wachtposten für eine halbe Stunde abzulenken, dann hole ich euch in Nullkommanichts einen Armvoll Schmuckstücke aus den Nachttischkästchen im Parkhotel. Ich kriege jeden Morgen hier meine Zeitung. Weiß also, daß dort einige goldschwere Hascherin wohnen, die auf ihren Schmuck nicht aufzupassen wissen."

    "Biste nich ganz in Ordnung mit deiner Beleuchtung im Kopp", sagte der zweizentnerschwere Güterwagenspezialist. "Wie willste denn die Glitzerchen verschärfen, wenn de nich mehr ’rauskommst? Nee. Außerdem, die Versicherungsdetektive sind heute scharf wie Rasierwasser. Gebt mir vier Stunden Zeit. Es kann regnen und zappendüster sein, ich hänge euch einen Waggon mit erstklassigem Baumaterial ab, daß keine Maus was davon merkt. Ihr braucht ihn nur noch umzuladen in eure Lastwagen."

    Der Polizeipräsident sagte am Abend zu seiner Frau: "Dieser junge Gefängnisdirektor hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Verlangt, ich soll meine Männer anweisen, hörst du eigentlich zu, ein Auge zuzudrücken bei Zechprellereien, wo ich sie gerade erst richtig scharf gemacht habe durch die Erhöhung der Strafzettelprovisionen."

    "Aber ich finde ihn sehr charmant", sagte Betty, "und er ist doch geradezu beliebt bei seinen Gefangenen, während sie dich bloß fürchten und dir Spitznamen geben."

    "Was für Spitznamen?" fragte der PP.

    "So was wie Donnerkrachen oder kochende Blutwurst", sagte sie befriedigt. –

    Auf dem weiten Gefängnishof stiegen die Steinhaufen, die Bretterstapel, Nagel- und Schraubenhügel und die Kiesberge in die Höhe.

    "Die neue Zeit", sagte der GD zu seinem Vize, "erwartet auch von uns, daß wir Missetaten, die gegen Sachen begangen werden, nicht mehr mit dem gleichen Begriff bezeichnen wie solche der Unmenschlichkeit, nämlich als Verbrechen."

    "Wie Sie meinen", sagte der magenkranke Vize.

    Der neue Gefängnisanbau wurde von den Gefangenen nicht überstürzt, doch nahezu in Rekordzeit errichtet. Die alten Keller- und Dachzellen wurden geräumt. Rund um den Neubau entstanden Grünanlagen. Pappeln, Kastanien und Linden wurden gedüngt und begossen. Beete mit Stiefmütterchen, Löwenmäulchen und Fingerhut leuchteten zwischen den grünen Bänken. Die gehobene Stimmung unter den Gefangenen, Raubmörder, Eisenbahnattentäter, Autofallenräuber und politische Killer ausgenommen, bereitete dem Gefängnisdirektor neue Sorgen. Die Meldungen nahmen zu, daß Gefangene, die zur Entlassung anstanden, erneut straffällig wurden, damit sie wieder "bleiben" konnten. Man bastelte Nistkästen für die Stare. Rotkehlchen, Meisen, Buchfinken, Kleiber und Hänflinge schwirrten zu den Futterplätzen, das Körnerfutter wurde bei den Außenarbeiten in den Feldern gesammelt. Trotz der gelegentlichen Inserate, die der GD aus eigner Tasche bestritt (der Zusatz, den Aufruf zu Spenden betreffend, war von der Anzeigenredaktion als genehmigungspflichtig gestrichen worden), nahmen die Einlieferungen, besonders der Rückfälligen, nicht ab, sondern zu.

    "Jetzt weiß ich mir keinen Rat mehr", sagte der GD seufzend, "der Neubau ist in einigen Wochen, wenn es so weiter geht, auch wieder überfüllt."

    "Dürfte nicht ganz ohne Ihr Verschulden soweit gekommen sein", sagte der Vize, der aus dem Krankenurlaub, Magenoperation, zurückgekehrt war. "Wenn ein Staatsgefängnis erst einmal beliebt wird, verliert es seine Funktion."

    "Funktion?"

    "Besserung durch konsequente Bestrafung", sagte der Vize.
  • Kurt Kusenberg
    Eine ernste Geschichte

    Sigrist, ein Schriftsteller, ernährte sich davon, daß er heitere Geschichten verfaßte. Während er sie niederschrieb, schnitt er absonderliche Grimassen und lachte leise vor sich hin; so lustig fand er die eigenen Werke. Doch auch seine Leser fanden sie lustig, und da die Welt sich gern erheitern läßt, hatte Sigrist ein leidliches Auskommen.

    Eines Tages aber ward er des Scherzens überdrüssig und beschloß, eine ernste Geschichte zu schreiben. Das war nun nicht so leicht, wie er es sich gedacht hatte, denn immer wieder versuchte die spaßgewohnte Feder, hier oder dort einen possierlichen Einfall anzubringen, der wenig am Platze war. Erst als Sigrist einen neuen Federhalter erstand, ließ das Unwesen nach, und die Arbeit ging ihm gut von der Hand.

    Fünf Wochen lang saß der Schriftsteller am Schreibtisch, schnitt keine Grimassen, lachte nicht und schrieb täglich zwei Seiten, bis das ernste Geschehen abgewickelt war. Dann kam die Stunde, in der Sigrist nach alter Gewohnheit die Geschichte, um ihre Wirkung zu erproben, seinen Freunden vorlas.

    Er tat das gerne, weil er bei dieser Gelegenheit die ganze Geschichte gewissermaßen zum erstenmal überblicken konnte. Denn da er sie stückweise und unter großen Nöten zu Papier gebracht hatte, war ihm die Handlung nicht mehr recht geläufig.

    Anfangs las er ein wenig stockend, aus Angst, die Verehrer seiner heiteren Kunst arg zu enttäuschen; allmählich jedoch nahm ihn die Muse bei der Hand und verlieh seiner Stimme Gewalt. Das herzhafte Lachen freilich, welches sonst den Vortrag zu unterbrechen pflegte, blieb gänzlich aus; statt dessen herrschte eine Stille, die jede Deutung zuließ - die beste wie die schlimmste.

    Sigrist gehörte nicht zu jenen unleidlichen Vorlesern, die ihre Zuhörer andauernd im Auge behalten. Als er aber zufällig einen Blick in die Runde warf, gewahrte er mit Unwillen, daß zwei seiner Freunde in Schlaf gesunken waren. Das traf ihn hart, doch ließ er sich nichts anmerken, sondern las weiter.

    Lag es an den beiden Schläfern, die jetzt hörbar schnarchten, an der ungewohnten Anstrengung, eine ernste Geschichte vorzutragen, oder gar an der Geschichte selbst? Jedenfalls geschah es, daß auch Sigrist von Müdigkeit ergriffen ward, daß seine Stimme sich immer mühsamer hinschleppte und schließlich, mitten in einem besonders langen und kunstvollen Satz, zur Ruhe ging.

    Die Lider wurden ihm schwer, das Manuskript entglitt den schlaffen Händen und sank zu Boden. Seines Amtes als Hausherr und Schriftsteller eingedenk, riß Sigrist ein letztes Mal die Augen auf und sah sich von lauter Schläfern umgeben; dann schlummerte auch er.

    Man wird es uns nicht recht glauben, wenn wir berichten, daß die ganze Gesellschaft bis zum nächsten Morgen durchschlief, und doch war es so und nicht anders. Als die Freunde erwachten, als sie sich räkelten und streckten, schien die Sonne ins Zimmer; draußen hatte die Arbeit längst begonnen.

    Gescheit, wie feingeistige Leute nun einmal sind, kamen die soeben Erwachten auch gleich dahinter, was es mit der Geschichte auf sich hatte: Es war Sigrist gelungen, ein Werk zu schaffen, welches jeden Leser oder Hörer mit unwiderstehlicher Gewalt in tiefen Schlummer versenkte. Welch ein Geschenk an die Menschheit!

    Die Sache sprach sich herum, Sigrists Erzählung wurde gedruckt und fand große Verbreitung. Auf jedem Nachttisch, unter jedem Sofakissen lag das schlafspendende Werkchen, Gesunde und Kranke lasen sich an ihm in den Schlaf, und wer einem Anderen den Liebesdienst erwies, tat gut daran, sich zuvor bequem und weich zu setzen, denn gegen die Macht der einlullenden Worte war niemand gefeit.

    Es versteht sich, daß Sigrist mit der Zeit nicht nur zum vermögenden Mann, sondern auch zum hochgepriesenen Wohltäter wurde.

    Eines freilich war seltsam und verursachte manches Kopfzerbrechen: niemand wußte, wie die Geschichte ausging, denn bis zu den letzten Seiten war kein Leser je vorgedrungen. Gesunde Menschen schliefen schon bei den ersten Seiten ein, Nervöse gelangten ein wenig weiter, und in Fällen hartnäckiger Schlaflosigkeit soll sogar die Hälfte des Werkes, jene berühmte Seite 35, von der nur Auserwählte wußten, erreicht worden sein.

    Daß einige Schlauköpfe einfach den Schlußteil der Erzählung anlasen, half ihnen wenig; sobald sie erwachten, hatten sie alles vergessen. Es ergab sich, daß über den Ausgang des berühmten Schlafwerkes die widersprechendsten Gerüchte im Schwange waren und Sigrist von allen Seiten her angegangen wurde, sein besseres Wissen preiszugeben.

    Er tat es jedoch nicht, sondern hüllte sich in ein geheimnisvolles Schweigen, das ihm nicht übel anstand. Er hätte auch kaum etwas zu sagen vermocht, denn er wußte selbst nicht mehr darüber, als daß die Geschichte mit einem tiefen Schlaf endete.
  • bearbeitet 27. May
    Werner Finck
    Glanz und Elend des Conférenciers

    Es ist 19.59 Uhr. Der Fernseh-Bildschirm ist von einem magisch leuchtenden Zifferblatt bis zum Rand ausgefüllt. Der unnatürlidi helle, überdimensionale Zeiger wippt von Sekunde zu Sekunde in hektischer Präzision. Der berühmte Conferancier steht auf seinem ihm von der Technik zugewiesenen Platz. Wenn der Zeiger auf die Zwölf kommt, wird es ernst. Dann werden viele Millionen ihn sehen und hören. Und er? Was wird er sehen? Zwei oder drei Techniker und Bühnenarbeiter, die ihren genau vorgeschriebenen Platz eingenommen haben, um ihre genau vorgeschriebenen Handgriffe und Bewegungen auszuführen. Wenn die Sendung läuft, so lautlos wie möglich. Denn Millionen würden es als illusions-störend empfinden, wenn ein Arbeitsgeräusch zu hören wäre.
    Der Zeiger hat den Strich erreicht, der den Anfang der Sendung automatisch auslöst. Die anmutig frisierte Ansagerin gibt fein gerastert bekannt, daß man jetzt ein Kabarett sehen werde.
    Der berühmte Conferancier vermiest sich seine in eiligen Proben erprobte gute Laune. Dieses hübsche Bild-Mädchen redet vom Kabarett, davon kann gar keine Rede sein; dies hier ist eine Montagehalle, vorzüglich dazu geeignet, am laufenden Tonband elektronisdi bewegte Bildsendungen herzustellen. Die Halle ist geräumig genug, um eine feldstarke Batterie von riesigen Scheinwerfern, Gerüsten, Kabeln und Dekorationen, von oben nach unten gesehen, klein erscheinen zu lassen, zu klein, um auch nur dem fünften Teil des angeschlossenen (also unfreien) Publikums Platz zu bieten.
    Jetzt tastet sich - die Sendung läuft bereits! - der Assistent eines Hilfsregisseurs an den berühmten Conferancier heran und bedeutet ihm mit lebhaften Gesten, den rechten Fuß auf ein kleines Kreidekreuz zu stellen.
    Diese Stellung war mit dem Kameramann von Kamera zwo ausgehandelt worden, nur so kann für ein einwandfreies Bild garantiert werden. Die Kamera zwo steht ihm gegenüber. Der stählerne Würfel, der die Kamera umschließt, zeigt sich geneigt.
    Aber es ist eine mathematisch berechnete Zuneigung, ohne Rührung.
    Kalt wie alles in diesem heißen Studio. Das Glasauge des Objektivs ist scharf auf sein Opfer gerichtet. Wie die schwarze Mündung einer Kanone, Entfernung: lVs Meter. Die Entfernung des Publikums - aus dem Studio (laut Anordnung) - ist unendlich.
    Der Abstand zwischen den Unterhaltungsproduzenten und den Unterhaltungskonsumenten ist auch unendlich. Man braucht von der Konsumentenseite nicht erst gebeten zu werden, man ist gezwungen „Abstand zu nehmen" von jeglichen Beifallskundgebungen. Wozu auch Beifall? Er würde ungehört verhallen, ersticken. Und dem Lachen ginge es genauso. Keimfreie Unterhaltung, gefilterte Atmosphäre, Akt ohne Wollust, Patrone ohne Pulver. Abenteuer ohne Gefahr.
    Noch sieben-, noch sechsundvierzig Sekunden. Dann wird das kleine rote Licht auf dem Kameragehäuse aufleuchten, dann ist er dran.
    Warum macht ihn das so nervös? Vierundvierzig Sekunden, dreiundvierzig.
    Als er zum ersten Male konferierte, hatte er sich aus einem billigen Büchlein („Kennen Sie den schon?" „Tausend Sachen zum Brüllen und Lachen") Witze notiert, um sie unauffällig anzubringen, aber als er dann plötzlich vor dem Publikum stand, hatte er alles vergessen und hilflos verlegen irgendetwas Komisches gestottert. Aber das zündete. Das freute ihn unbeschreiblich. Und daß es ihn unbeschreiblich freute, freute das Publikum, und so steigerten sie sich aneinander hoch. Der Abend war ein Triumph. Der erste seines Lebens. Und der Anfang seiner Karriere. Es muß ein besonders gutes Publikum gewesen sein. Es gab später auch Abende - als er schon der berühmte Conferancier war -, da enttäuschte er sein Publikum, das ihn fade fand, weil er es enttäuschte, und das er fade fand, weil es ihn enttäuschte. Sie waren lächerlich abhängig voneinander. Er war, so pflegte er zu sagen, so gut und so schlecht wie sein Publikum.
    Noch fünf Sekunden. - Heute hat er weder gutes noch schlechtes Publikum. Er hat überhaupt keines. Er wird also weder gut noch schlecht, sondern das, was übrigbleibt (was bleibt ihm anderes übrig); er wird nicht einmal weder - noch sein. Er wird überhaupt nicht sein.
    Genau wie sein Publikum. Diese amorphe Masse, die vor Millionen Fernsehapparaten sitzt und Unterhaltung anzapft. Noch nie in der Geschichte der Welt haben Künstler so viel Publikum auf einmal gehabt wie in unseren Tagen im Fernsehen. Noch nie waren sie so einsam, so verlassen. Die Millionen sind ja doch nur statistisch vorhanden. In der Theorie. Praktisch sind es immer drei, vier. Im Durchschnitt.
    Er haßt Durchschnitt! Das kommt noch dazu. Woanders wartete man jetzt noch, ob nicht noch ein paar kommen.
    Die rote Lampe brennt. Seit zwei Sekunden. Der berühmte Conferancier hätte in dieser (kostbaren) Zeit schon launig plaudern müssen. Hatte er nicht aufgepaßt in seiner Verwirrung? In seinem Publikummer? (ein Wortspiel, das von ihm stammt). Hatte er in alter Gewohnheit abgewartet, bis der Applaus verebbt war?
    Auf dem Bildschirm, der sekundenlang sprachlos war, hatte man nur ein unendlich trauriges Gesicht gesehen, mit einem Diadem aus Schweißperlen auf dem kahlen Haupt. Eine dicke Perle zog sich langsam in die Länge und erschien als Uberflüßchen an der Wange.
    Er erwachte noch rechtzeitig. Er lächelte verlegen. Die Kamera verzog keine Miene. Oder lachte sie? Dann nur aus. Das Glasauge starrte ihn verglast an. Und doch nüchtern.
    Da man es ihm - dem großen Conferancier - selbstverständlich überlassen hatte, was er in den ihm zugeteilten einhundertachtzig Sekunden sagen wollte - zwei davon, wie gesagt, hatte er bereits nichtssagend vergeudet -, sagte er nach kurzer Überlegung: Seh ...
    Dann entzog sich der berühmte Conferancier mit einer schnellen Bewegung dem Sehfeld der Kamera, verließ das weiße Kreuz seiner Haft und setzte sich aufatmend zur Ruhe.
    Gleich darauf erschien die gepflegte Geisterschrift: Bildstörung. Es war aber eine Geistesstörung.
    Der Sendeleiter kam gut gekleidet und aufgeregt ins Studio: „Sind Sie wahnsinnig geworden? Es war das erste und das letzte Mal, daß Sie hier konferiert haben."
    „Das will ich glauben", sagte der berühmte Conferancier und verließ -nicht ohne über ein Kabel zu stolpern - das Studio.
    „In der sonst so geschlossenen Unterhaltungssendung", schrieb der als boshaft bekannte Fernsehkritiker Dr. P. K., „fiel ein einziges Wort aus dem Rahmen, weil es natürlich war."
    PS: Die Handlung dieser Geschichte ist frei erfunden. Sollten sich irgendwelche Personen oder Zustände betroffen fühlen, so ist das ein reiner Zufall.
  • Hans Bender
    La Paloma oder Der Liebe Nahrung

    In den braunen, brettergestreiften, miefigen Wagen der Kleinbahn, die aus der Kreisstadt ins Dorf fuhr, kam es am Abend vor, daß die Lichter hinter den viereckigen, in die Wände gesetzten Scheiben verlöschten, weil die Dochte im Petroleum ertranken vom Stoß der Räder, die über die zu weit gelaschten Schienen ratterten. Dunkel saßen die Fahrgäste in den Kupees. Ein Streichholz flammte auf. Zigarettenenden glosten. Ein Arbeiter, der in Rotenberg ausstieg, boxte mir den Ellbogen ins Gesicht.
    Nicht alle bedrückte die Dunkelheit. Die Jungen lehnten ihr Knie ans Knie der Mädchen. Männer zogen die Mütze in die Stirn, ließen den Kopf vornüberfallen und schliefen die paar Minuten, bis der Schaffner ihre Station ausrief.
    Manchmal kam es vor, daß eine Stimme leise zu singen anfing. Die anderen hörten zu oder fielen mit ein:
    „Sie war so schön, so schön wie Milch und Blut — Von Herzen war sie einem Räuber gut."
    Andere Fahrgäste unterhielten sich lauter und ungenierter, weil die Dunkelheit Gesicht und Augen verbarg und der Gesang die Stimmung erweichte.
    Eine Frau sagte: „Nein, es gibt nichts Schöneres als dieses ,La Paloma'! Wenn es die Rosl und der Leo spielen, die Rosl auf dem Klavier und der Leo auf der Geige - ich fange an zu weinen, ob ich will oder nicht."
    Rosl und Leo, ich kannte sie gut. Sie waren die Kinder des Lehrers Ritzl, die bei den bescheidenen Konzerten des Dorfes, bei den Stiftungsabenden der Vereine, den Weihnachts- und Neujahrsfeiern, in unserem Gasthaus auch, als umschwärmte dörfliche Virtuosen aufgetreten waren.
    „Und wenn ,La Paloma' im Radio kommt", sagte die Frauenstimme wieder, „ich lasse die Teller fallen, weil ich vor Tränen blind bin."
    Als der Schaffner kam, die Fahrkarten mit der Zwickzange zu lochen, fiel der Schein der Karbidflamme, die ein gewölbter Spiegel dahinter so grell macht, in das Gesicht jener Sprecherin. Es war Sophie, eine Nach barin von uns. Sie hatte vor einem Jahr eine Mietwaschküche eröffnet, die von den zögernden, dem gewellten Waschbrett anhänglichen Frauen des Dorfes zunächst spärlich, dann mit wachsendem Ansturm aufgesucht wurde und bald ein florierendes Unternehmen war. Sophie, unverheiratet, galt im Dorf als eine robuste Person, die mit hochgekrempelten Ärmeln zupacken konnte, und der ich — wahrscheinlich auch alle anderen - so viel Gefühl gar nicht zugetraut hätte.
    Wenige Wochen nach jener Bahnfahrt quartierte sich bei uns Herr Ferdinand Schwarz ein. Er sollte für einige Wochen den erholungsbedürftigen Bahnhofsvorsteher Grämlich vertreten. Jeden Abend nach neun Uhr betrat Herr Schwarz die Gaststube, setzte sich an den Tisch unter der ausgestopften Eule, aß zu Abend, steckte sich ein Zigarillo an und durchblätterte die Zeitung.
    Unter den Leuten, die schnell „über die Straße" zum Büfett kamen, war auch Sophie. Sie schob ihren grünen Siphon zum Bierzapf, wartete, bis mein Vater ihn gefüllt hatte, zahlte und ging wieder mit einem barschen Gruß.
    Ich saß um diese Zeit meist an einem der Tische und machte meine Schulaufgaben. Da ich nun an ihr Bekenntnis im Zug dachte, beobachtete ich sie genauer als früher. Ich bemerkte, sie kam regelmäßiger, seitdem Herr Schwarz unser Gast war. Sie sah zu ihm hinüber, und er sah herüber. Einmal fragte er, ob sie denn soviel Bier allein trinken könne. Die Herren am Stammtisch drehten die Köpfe. Sie sagte: „Warum nicht?" ergriff ihren Siphon und zog hart die Tür hinter sich zu.
    Näher kamen sie sich nicht. Sie wirkte wieder resolut gepanzert, und er schien ausgesprochen schüchtern zu sein.
    Shakespeare läßt in seiner Komödie „Was ihr wollt" den Prinzen Orsini sagen: „Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter! Gebt mir volles Maß." Ich kannte damals Shakespeare und sein schönes Wort noch nicht. Ich war zehn Jahre alt, in der vierten Volksschulklasse, lernte Aufsätze und Diktate schreiben, Gedichte aufsagen und Rechnungen lösen, was mir gar nicht leicht fiel. Ich träumte über dem Atlas oder las im „Robinson Crusoe". Seit einem Jahr hatte ich Klavierstunde bei Fräulein Wagenseil, und ich war gerade so weit, daß ich die ersten Sona-tinen von Dussek und Clementi spielen konnte.
    Als ich wieder in die Kleinstadt kam, kaufte ich mir in der Musikalienhandlung „La Paloma - Tango und Lied". Es war ein vierseitiges Notenheft mit einem bunten Titelblatt: zitronengelbe Häuser mit roten Ziegeln, grüne Zypressen, ein blaues Meer und darüber eine weiße Taube mit ausgebreiteten Flügeln. Ich legte Fräulein Wagenseil das Heft vor und bat, es üben zu dürfen. Sie sagte, ich sei noch nicht so weit fortgeschritten, einen Tango zu bewältigen, mein Spiel würde dadurch unsauber, und mit dem Takt sei es bei mir sowieso nicht weit her.
    Also übte ich allein „La Paloma". Es ging schwer. Mit der linken Hand mußte ich die eng neben- und übereinanderliegenden weißen und schwarzen Tasten suchen, den Tangorhythmus schlagen und mit der rechten Hand gleichzeitig die geschmeidige Melodie darüberspielen.
    Unser Klavier war nicht das beste. Es war früher ein elektrisches gewesen. Wenn ein Gast einen Zehner in den Schlitz warf, geriet eine Walze, über die ein gelöcherter Pappstreifen lief, in Bewegung, bediente die Filz-hämmerchen, die „Puppchen, du bist mein Augenstern", „Im Grunewald, im Grunewald", preußische Märsche und Walzer von Waldteufel mechanisch herunterspielten und dabei die Tasten, wie von unsichtbaren Fingern gedrückt, auf und ab bewegten. Mein älterer Bruder Theo, der schon früh andere Talente als musikalische zeigte, hatte im elektrischen Mechanismus ein Rädchen entdeckt, über das man einen Treibriemen spannen konnte. Er übersetzte ihn auf die kleine Buttermaschine, die damals aufgekommen und eigentlich mit der Hand zu drehen war. Bis die Walze abgespielt hatte - „Heinzelmännchens Wachparade" war sein Lieblingsstück - war die Butter gestoßen.
    Trotz solcher nützlicher Doppelfunktion ließ mein Vater den elek-trischen Mechanismus herausnehmen. Der Klavierstimmer, Herr Eder -der jedes Jahr um die Osterzeit kam und mir einen roten Zuckerhasen schenkte -, hatte ihm dazu geraten. Er sagte, es bekäme dadurch einen volleren Klang, zumal das elektrische Klavier über eine größere Resonanz verfüge als ein gewöhnliches.
    Trotzdem, es klang matt. Die tiefen Töne schollerten, als rollten Kartoffeln über Bohlen. Die hohen Töne klimperten trocken, als läge Kreide auf den Saiten. Das zweigestrichene F — das ausgerechnet so oft vorkam — blieb manchmal hängen, und die Tasten waren gelb vom Rauch der Gaststube und den Nikotinfingern der Spieler, die bei den Tanzmusiken im Saal zur Geige und Trompete begleiten.
    Als ich auf diesem Klavier an einem Vormittag - mein Vater war weggefahren, meine Schwester bohnerte im ersten Stock die Zimmer, meine Brüder waren in der Schule — den Tango vielleicht fünfzigmal gespielt hatte, kam meine sanfte Mutter — sonst die geduldigste Zuhörerin meiner Übungen - aus der Küche und schrie: „Ich kann dieses Stück jetzt nicht mehr hören!" Ich versöhnte sie mit dem Allegro der Clementi-Sonate in C-Dur. Als sie in die Küche gegangen war, begann ich leise, mit dämpfen-dem Pedal „La Paloma".
    Hätte ich die „Damm-Schule" und die ungeliebten Etüden von Czerny so hartnäckig geübt, ich wäre ein Liszt geworden!
    Nach drei Wochen zäher, ein- und zweihändiger Anstrengungen brannte ich auf die Gelegenheit, „La Paloma" zu spielen, wenn Sophie am Büfett stand. Doch zu einer wohlüberlegten Gelegenheit gehören mehrere glückliche Fügungen. Sie fügten sich nie, und eines Abends — der Stammtisch war leer — hörte ich Herrn Schwarz zu meiner Mutter sagen, morgen käme er zum letztenmal. Herr Grämlich sei, früher als vorgesehen, von seinem Urlaub zurückgekehrt, das bedeute, daß er uns verlassen müsse, was ihm sehr leid tue, denn es habe ihm bei uns wirklich gefallen, das Essen sei gut bürgerlich, er habe bestimmt zehn Pfund zugenommen, und wenn er wieder in der Gegend zu tun habe ...Ich ging zum Klavier, öffnete den Deckel, drehte den Sessel in meine Sitzhöhe und dachte, während ich das Notenheft aufschlug, spiele ich „La Paloma" wenigstens für ihn, zum Abschied gewissermaßen. Ich griff in die Tasten und spielte mit schleppender linker Hand und leichter, durch das tückische zweigestrichene F irritierter rechter Hand mit melancholischem Verzicht „La Paloma".
    Währenddem wurde die Tür geöffnet. Ich hörte Sophie „Guten Abend"
    no sagen und Herrn Schwarz „Guten Abend" antworten. Ich spielte „La Paloma", wie ich es nie gespielt hatte und nie mehr später spielte. Hinter mir wurde ein Stuhl gerückt. Die Leidenschaft ließ sidi nur noch durch ein summendes Pedal und ein brausendes Fortissimo steigern. Ich improvisierte, ich sang, denn die menschliche Stimme - das hatte Beethoven vor seinem Tod erkannt - übertrifft die Sprache der Instrumente. Ich schloß mit einem brillanten Accelerando, drehte mich im Sessel und sah, wie Sophie ihre Hand aus der Hand des Herrn Schwarz zog, wie sie ihr Taschentuch an die Augen führte, er sich aufrechter setzte als zuvor und nach dem Knoten der Krawatte griff. „Spiel weiter", sagte Sophie. Ich spielte „La Paloma" solange, bis meine Mutter mich zum Schlafengehen zerrte.
    Herr Schwarz reiste am nächsten Tag nicht ab. Er blieb in Logis, obwohl Herr Grämlich termingerecht zurückkehrte. Herr Schwarz reichte bei der Kleinbahn AG seinen Abschied ein und heiratete vier Wochen danach Sophie, die ihm den Plan einer Großwäscherei entwickelt hatte.
    Am Hochzeitstag kam Herr Oberlehrer Lämmlein - der sehr dick war und in der Kirche die Orgel spielte - in die Gaststube, um sich an einem Glas Spätburgunder für das langwierige Hochamt zu stärken. Während ich den Wein eingoß, sagte ich, ob er heute zur Trauungszeremonie nicht „La Paloma" variieren könne, mit Celest, Aeolsharfen, Vox humana und ähnlichen Registern. „Wie kommst du auf die Idee, Hansel?" fragte er. „Ich mein' halt so", sagte ich und schob das Glas vor seine runde Weste.
  • bearbeitet 26. May
    Kurt Kusenberg
    Die Rohre

    Keinen Augenblick zu früh, wohl aber Jahrzehnte zu spät bewilligten die Ratsherren den Antrag, das Rathaus mit einer Wasserleitung auszustatten. Der älteste unter ihnen konnte sich noch gut daran entsinnen, daß schon sein Vater gegen die Neuerung gestimmt hatte, als sie zum erstenmal vorgebracht wurde; seitdem war die Ablehnung des Planes ein alljährlich und gern geübter Brauch gewesen , den die Ratsherren schmunzelnd vollzogen. Jetzt aber hatte man sich, im Hinblick auf das Wachstum der Stadt und das Ansehen ihrer Verwaltung , der notwendigen Maßnahme nicht länger verschließen können, und so war denn , nach einer hitzigen Beratung , dem Antrage stattgegeben worden.
    Der Bürgermeister, ein Mann von großer Tatkraft, nahm die Dinge selbst in die Hand und scharte einen Stab junger Mitarbeiter um sich, der Abend für Abend zusammentrat und die Anlage der Wasserleitung aufs genaueste durchsprach. Bald war man sich darüber einig, daß es mit der Wasserleitung allein nicht getan sei. Denn wenn schon in die ehrwürdigen Mauern des Rathauses Rohre eingelassen werden sollten, so empfahl es sich, auch gleich die kommende Entwicklung zu bedenken und jenen Ruhm vorzubereiten, der in dankbaren Nachfahren fortlebt. Solches vor Augen, setzte die entschlossene Schar es durch, daß nicht nur wasserspendende, sondern auch wärmende und briefbefördernde Rohre gutgeheißen wurden, kurzum, daß neben der Wasserleitung der Einbau einer Dampfheizung und einer Rohrpostanlage vorgesehen ward.
    Eines Tages begannen die Arbeiten. Wohin das Auge blickte, gewahrte es Rohrleger, die niederknieten, auf dem Bauche lagen oder Leitern erkletterten, um ihres Amtes zu walten. Wo es irgend anging, schlugen sie tiefe Breschen ins Gemäuer, und die sonst so stillen Gänge widerhallten von Hammerschlägen. Einige alte Beamte, die lautloses Wirken gewohnt waren, ertrugen den Lärm nicht und kamen vorzeitig um ihren Abschied ein. Aber auch die Jüngeren hatten ihre Not, inmitten des höllischen Pochens die Feder richtig zu führen; es ereigneten sich arge Schreibfehler, ja, sogar irrige Eintragungen, unter denen manche Bürger noch lange zu leiden hatten. Das Schlimmste aber war, daß kein Beamter sich jemals unbeobachtet wähnen durfte. Hob einer zufällig den Kopf aus den Akten, so konnte er sicher sein, daß ein Rohrleger ihn durch irgendeine Öffnung hindurch anstarrte.
    Nachdem die Löcher geschlagen waren, wurden die Rohre eingelassen. Man schaffte sie in solchen Mengen herbei, daß die Beamten sich fragen mußten, ob es überhaupt möglich sein werde, die Arbeitsräume ihrem eigentlichen Zweck zu erhalten. Die Sorge war nicht unbegründet, denn bald wölbten sich Rohrstränge wie dicke Säulen in die Arbeitszimmer, und ehe ein Tag verging, hatten die Eindringlinge neuen Zuwachs bekommen. Nun zeigte sich auch, daß die ganze Anlage einem äußerst fein gesponnenen Plan folgte, der in seinen Einzelheiten schlechterdings nicht zu durchschauen war. Einem Plan freilich, der nach Gutdünken mit dem Raume schaltete und sich fortschreitend von dem Zwang löste, das Mauerwerk und die Rohre in einer auch nur lockeren Verbindung zu halten.
    Wollte man etwa Nebenrohre, die sich zutraulich an ein Hauptrohr wandten, grundsätzlich vermeiden? War es jedem einzelnen Rohr bestimmt, aus eigener Kraft einen eigenen Weg zu beschreiten? Ging die Absicht dahin, die Wirkung gewisser Rohre mit Hilfe kühner Abkürzungen zu beschleunigen? Gleichviel: was nicht zu durchschauen war, machte sich um so bemerkbarer. Kreuz und quer drangen die Rohre in die Stuben, bogen sich wellenförmig, wo es galt, einen Weg zu verlängern, und glitten haarscharf selbst an höheren Beamten vorbei, wenn ein Ziel rasch erreicht werden sollte. Der Arbeitsstuhl eines unbedeutenden Schreibers aus dem Katasteramt wurde zur Sehenswürdigkeit; er war von einer Rohrspirale umringelt, in die sich der Beamte allmorgendlich hineinzwängen mußte.
    Auch in den Gängen machte manche Veränderung von sich reden. Die Steuerbehörde wurde durch ein Flechtwerk aus stämmigen Rohren derart j gegen jeden Zugang abgeriegelt, daß der Bau einer Holztreppe, die von außen her das Rathaus erklomm und an ein Fenster führte, nicht zu umgehen war. Daß die Rohre, zu Palisaden vereint, die Gänge der Länge nach teilten, erwies sich als vorteilhaft; links und rechts von ihnen strömten die Bürger, nunmehr in geordneter Bewegung, friedlich dahin, und das gegenseitige Ausweichen hatte aufgehört, ein Gegenstand des Streites und der Herausforderung zu sein. In anderen Gängen wiederum legten sich die Rohre quer, als komme es ihnen darauf an, Hürden zu bilden. Da sich nicht alle Bürger körperlicher Tüchtigkeit erfreuten, kam es dahin, daß sowohl das Standesamt wie die Verwaltung des Armenhauses einen merklichen Rückgang an Besuchern zu verzeichnen hatten und mit den Geschehnissen des Tages nicht mehr Schritt hielten. Die Eingabe eines städtischen Sportvereins, ebendiese Gänge als Übungsplatz für Hürdenläufer benutzen zu dürfen, wurde mit Fug und Recht abgelehnt, weil das Ansinnen die Würde des Hauses verletzte.
    So standen die Dinge, als am Dienstag vor Pfingsten die Anlage in Betrieb gesetzt wurde. Der Teufel muß dabei seine Hand im Spiel gehabt haben, denn allen Berechnungen zum Trotz geschah auch nicht das geringste nach Wunsch. Rohre, denen Wasser entströmen sollte, spien Briefe aus, und wo man hoffen durfte, Briefe in Empfang zu nehmen, zischte heißer Dampf. Aus den meisten Rohren aber, auch aus solchen, die man zuvor nicht wahrgenommen hatte, floß Wasser und füllte die Räume mit unwillkommener Spende. Jener kleine Beamte aus dem Katasteramt, der sich, von einer Spirale kühlen Wassers umgeben glaubte und dem Sonner genießerisch entgegensah, erlitt siedendheiße Umarmung und konnte erst im letzten Augenblick aus seiner schlimmen Lage befreit werden. Hätte man das städtische Wasserwerk rechtzeitig benachrichtigt, so wäre das Ärgste verhütet worden. Da aber niemand auf den Einfall geriet, verrichtete das Wasser sein trauriges Werk, und zwar so gründlich, daß das Rathaus fortan nur noch als Lagerschuppen benutzt werden konnte.
  • bearbeitet 27. May
    Erich Pfeiffer-Belli
    Ein Kunstwerk aus Schokolade

    Mein Freund Gaston Le Rire schreibt mir aus Paris die folgende buchens-werte Geschichte, deren Zeuge er war.
    In eine altmodische, exquisite Konditorei kommt ein älterer eleganter Herr, sehr teuer und im London Style gekleidet, schwarzrote Nelke im Knopfloch, Monokel am Band.
    „Ich möchte", beginnt er das Gespräch mit der Verkäuferin, „einen Schokoladenbären mit Marzipanfüllung bestellen. Er muß, bitte notieren Sie, genau 37 cm hoch sein, blaue Porzellanaugen haben und gespitzte rosa gefütterte öhrchen. Er soll aufrecht stehen, die rechte Tatze wie zum Gruß halb ausgestreckt. Auf naturalistische Durchformung der Hinterfüße und ihrer Krallen - haben Sie, Fräulein? — lege ich besonderen Wert. Der Preis spielt keine Rolle.
    Und, damit ich es nicht vergesse: in Zuckerguß auf der Brust der Name ,Eric'." Der Herr nannte der leicht verwirrten Angestellten Namen und Adresse, zahlte und versprach, in vier Tagen wie derzukommen.
    Nach vier Tagen betrat der Herr erneut die altmodische Konditorei, und schon eilte die Verkäuferin, ohne erst viel zu fragen, zum Schrank, den fertiggestellten Bären „Eric" zu bringen. Der Herr betrachtet das konditorale Meisterwerk lange, zieht ein Bandmaß hervor und stellt eine geringe Abweichung der Maße fest. Auch beanstandete er mit vollendeter Höflichkeit das zu helle Blau der Porzellanaugen und die zu dunkle Tönung des Ohrinnern. All dies müsse unbedingt geändert werden; wahrscheinlich würde ein ganz neuer Bär geformt werden müssen? So sei es, antwortete die Verkäuferin, leicht enttäuscht. Der Herr erlegt im voraus den geforderten Betrag und verspricht, nach wiederum vier Tagen wiederzukommen.
    Sonnabend nachmittag überreicht man dem Herrn den neuen Bären. Ein zauberhaftes Tier; alle Maße stimmen, ebenso die Farbe der Augen und des Ohrenfutters. Der Herr ist hingerissen, doch verdunkelt sich plötzlich sein Gesicht. „Wissen Sie", sagte er dann zur Verkäuferin, „obschon der Bär herrlich ist, ein Kunstwerk, das dem großen Rodin oder Maillol alle Ehre machen würde - aber ich finde nun, daß der Name ,Eric' ganz und gar nicht mehr paßt. Und wenn wir schon den Namen in Jean-Jacques' ändern, schlage ich auch noch eine gefälligere Armstellung vor." Tatsächlich, er sagte „Armstellung", als handle es sich um einen Menschen. Der Verkäuferin schwindelt leicht. Sie notiert alles wieder genau, quittiert den Betrag für einen neuen Bären, der nächsten Mittwoch fertig sein würde.
    Der Mittwoch kommt und mit ihm zeitig der Kunde. Man reicht ihm das neue zauberische süße Ungeheuer mit dem Namen „Jean Jacques" auf der Zottelbrust, mit dunkelblauen Porzellanaugen und richtig getönten Ohrmuscheln. Die Maße werden kontrolliert, sie stimmen. „Ist er nicht herrlich geworden?" ruft der Herr. Er bittet, der Konditoreibesitzer möge kommen, damit er ihm danke. Der kommt.
    Man schüttelt sich lachend die Hände: „Das ist der Bär meiner Träume, Meister!" ruft der beglückte Kunde. „Niemals bin ich besser bedient worden. Bitte, geben Sie ihrem Konditor 5000 frs. als Zeichen meiner höchsten Zufriedenheit." Der ganze Laden strahlt, selbst der Bär scheint sanft zu leuchten.
    Die Verkäuferin ergreift eine goldene Bonbonniere, legt sie mit japanischem Seidenpapier aus und will den Bären einpacken.
    „Dürfen wir ihn Ihnen schicken, Herr Baron?" fragt sie. „Das Tier ist schwer und das Tragen unbequem."
    Da sieht sie der Herr erstaunt durch sein Monokel an: „Nicht doch, nicht doch!" ruft er, leise zwar, aber durchaus bestimmt und jeden Widerspruch ausschließend, „nicht doch, mein Kind! Geben Sie mir einen Teller, Messerchen und Gabe] - ich werde diese ganze Herrlichkeit sogleich hier essen!"
  • bearbeitet 27. May
    Sigismund von Radecki
    Eisenbahn
    Eine Meerschweinchen-Geschichte

    Mr. John Huskinson bestellte bei Mr. Randall Hopkins, Zoologische Handlung, Madison Street 167, Chikago, ein Meerschweinchenpaar. Abnahme gegen Erstattung der Frachtkosten auf dem Bahnhof Indianapolis.
    Der Bahnhofsvorsteher von Indianapolis benachrichtigte Mr. Huskinson vom Eintreffen der Meerschweinchen und forderte ihn auf, sie abzuholen nach Erlegung von zwei Dollar Frachtgebühr (Tarif für Schweine; Absatz 17). Mr. Huskinson lehnt die Bezahlung ab: Meerschweinchen seien keine Schweine, sondern kleine Haustiere (Tarif-Absatz 136), und daher koste der Transport bloß 45 Cents.
    Der Bahnhofvorsteher sandte Mr. Huskinsons Einspruch an den Inspektor des 2. Distrikts von Chikago, der ihn seinerseits dem Reklamationsbüro überwies.
    In dieser Zeit bekam das Weibchen zwölf ganz kleine Meerschweinchen. Mr. Huskinson wurde um Bezahlung der Ernährungskosten ersucht; er lehnte ab und forderte zuerst die Klärung der Tariffrage.

    Der Direktor der Central Railway-Gesellschaft schrieb an Professor Mackenzie, Direktor des Museums in Boston, und fragte ihn, zu welcher Spezies Meerschweinchen gehören.
    Dieser war auf einer Studienreise in der Südsee und antwortete erst nach acht Monaten. Im Verlaufe dieser Zeit hatten die sieben Meerschweinweibchen zweiundsechzig Kleine bekommen und die vierzig Weibchen davon wiederum 400 Meerschweinkinder, welche sich alle der besten Gesundheit erfreuten. Der geschätzte Gelehrte bestätigte schriftlich, daß Meerschweinchen kleine Nagetiere seien (folglich Tarif-Absatz 136).
    Daher wurde Mr. Huskinson sofort benachrichtigt, daß „sein Einspruch als zu Recht bestehend erkannt worden sei“ und daß er nunmehr die Fracht in Empfang nehmen könne gegen Bezahlung von 45 Cents Transportgebühr und 70 Dollar Ernährungskosten für 476 Meerschweinchen beiderlei Geschlechts. Der Brief kam als unzustellbar zurück, da Mr. Huskinson ohne Hinterlassung einer Adresse abgereist war.
    Der besorgte Bahnhofsvorsteher von Indianapolis, in seinen Räumlichkeiten mehr und mehr beengt, wandte sich nun in einem Expreßschreiben an den Fracht-Absender mit der Bitte, 373 Dollar zu zahlen und 1500 Meerschweinchen in Empfang zu nehmen.
    Dieser lehnte ab mit der Begründung, daß er „lediglich zwei Meer-schweinchen expediert habe und daher nicht willens sei, 1498 weitere in Empfang zu nehmen“. Nun sandte der verzweifelte Beamte ein dringendes Telegramm an den Direktor der Bahngesellschaft mit der Frage, was er mit den 3784 Meerschweinchen anfangen solle . . . usw. ad infinitum.
    Interessant, wie viele es heute sein mögen?
  • bearbeitet 27. May
    Jo Hanns Rösler
    Mailand — München

    Jedes Land baut andere Häuser. Nur Reihensiedlungen haben überall das gleiche Gesicht. Da liegt ein Haus ganz dicht beim andern, nur eine Zwischenwand trennt sie; heizt der eine seinen Ofen, wärmt er durch die dünne Wand des Nachbars Zimmer gleich mit, ganz gleich,
    ob man nun miteinander befreundet oder spinnefeind ist. Die Häuser, aneinander gewachsen, alle mit dem gleichen Gesicht, unterscheiden sich voneinander nur im Aquarell ihres Anstrichs. Da liegt das himmelblaue Haus neben dem zitronengelben, das himbeerfarbene
    folgt dem resedagrünen, cyclamenrosa Fassaden wechseln mit lavendelblauen Häuserfronten. Wer will, mag so wohnen. Wer wohnen will, muß so wohnen.

    Ein italienischer und ein deutscher Baumeister, zwei junge begabte Architekten, hatten nun zur gleichen Stunde an zwei verschiedenen Orten, jeder in seinem Land, den gleichen Auftrag übernommen: am Stadtrand eine Reihensiedlung von zehn Einfamilienhäusern schlüsselfertig zu bauen. Da sie zusammen an der Sorbonne studiert hatten, denselben modernen Stil bevorzugten, nämlich Raum zu sparen und Licht und Luft einzufangen, und sie sich auf den
    internationalen Kongressen, auf denen sie sich Preise holten, oft trafen, so daß die alte Freundschaft in all den dazwischenliegenden Jahren nicht minder geworden war, beschlossen sie, diesmal um die Wette zu bauen. Der Auftrag wurde beiden Architekten zur gleichen
    Stunde gegeben, jetzt galt es, die eigene Tüchtigkeit zu beweisen.

    Wer baut, braucht Geld. Das Geld für beide Bauvorhaben lag bis zum letzten Heller auf der Bank. Welch herrlicher Zustand, welche angenehmen Möglichkeiten für einen Architekten. Zum Bauen gehört aber nicht nur Geld, sondern auch Material: Ziegel, Riegel, Kies,
    Kalk, Sand, Zement, Dachplatten, Wasserrohre, Closchüsseln, Waschbecken, Badewannen, Herde, Bretter und Balken, Türstöcke und Fensterflügel. Auch dies wurde beiden Baumeistern zur gleichen Stunde angeliefert, es fehlte nicht ein Nagel und kein Schräubchen.
    Es war ein ehrliches Handikap.

    Nach einigen Monaten depeschierte der Italiener, der hinter Mailand seine Siedlung baute: „Noch achtundvierzig Stunden, und wir sind fertig."
    Der Baumeister, der hinter München seine Baustelle hatte, depeschierte zurück: „Noch achtundvierzig Formulare, Gesuche, Begehungen, Kommissionen, Planänderungen, Genehmigungen, Sitzungen und Städteblickauflagen - und wir können beginnen."
  • bearbeitet 27. May
    Heinrich Spoerl
    Vom Gelde

    Geld hat man, aber man spricht nicht darüber. Sprechen wir also vom Geld.
    Geld ist weder eine Tugend noch ein Laster. Aber es macht Spaß.
    Vielleicht weniger der Besitz als das Reichwerden. Die Reichen haben das hinter sich und sind zu bedauern. Mir steht die Freude noch bevor, und auf diese Freude freue ich mich schon heute.
    Aller Reichtum fängt klein an. Auch die Milliarde besteht aus Pfennigen. Man braucht nicht einmal zu arbeiten, man kann es der Logarithmentafel überlassen, wenn man lange genug wartet. Ein dummer dreckiger Kupferpfennig, zu vier Prozent auf Zinseszins gelegt, ist in hundert Jahren rund eine Mark, in zweihundert Jahren hundert Mark, die Summe verhundertfacht sich mit jedem Jahrhundert und hat nach tausend Jahren bereits achtzehn Nullen.

    Schade, daß Karl der Große, anstatt sich mit den Sachsen herumzuärgern, nicht den Zinseszins-Pfennig angelegt hat; heute könnten wir dafür die ganze Welt kaufen und Speck und Butter dazu.
    Vielleicht hole ich das Versäumte nach, dann ist es in tausend Jahren soweit, und ich werde rückwirkend ein großer Mann. Hoffentlich hält die Städtische Sparkasse durch.
    Geld ist ein geselliges Wesen. Man trifft es entweder haufenweise oder gar nicht. So kommt es auch ein, entweder unerwartet plötzlich von mehreren Seiten, oder es bleibt hartnäckig von allen Seiten aus, wie auf Grund einer Verschwörung. So entstehen in unserm Leben
    Berge und Täler, manchmal auch Tiefebenen. Bei den Festbesoldeten wird der Lebensrhythmus vom Kalender besorgt; ihr Berg fängt am Ersten an und dauert etwa bis zum Zwanzigsten. Oder bis zum Zweiten.

    Kein Geld haben ist kostspielig. Es kostet Verzugsstrafen, Zinszuschläge, Gerichtskosten, Sperrgebühren. Es ist ein Luxus, den sich eigentlich nur die Reichen gestatten können. Uberall wird Keingeldhaben mit Geldstrafen belegt. Und das von Rechts wegen.
    Sonst würde dieser Zustand noch beliebter, als er es ohnehin ist. In der Tat gibt man das meiste Geld mit dem Bezahlen aus. Am Ersten bekommen viele Leute ihr Geld, aber alle Leute ihre Rechnungen. Man erkennt die Briefe von außen, und wenn man Lebenskünstler ist, macht man sie morgens nicht auf. Warum den schönen Tag gleich mit Ärger beginnen? Am Abend tut man es auch nicht. Man möchte wenigstens gut schlafen. Am nächsten Tag der nämliche Grund und das nämliche Spiel, bis der Brief schließlich unter alte Zeitungen gerät oder sonstwie verschwindet. Das ist der wahre Grund, warum so wenig bezahlt wird. Weil wir alle
    Lebenskünstler sind.

    Zeit ist Geld. Aber die Gleichung stimmt nicht. Die Leute mit viel Zeit haben kein Geld, und die Reichen sind eilig.
    Wenn ich reich wäre, würde ich eine neue Art von Protzerei einführen: Ich würde Zeit verschwenden. Zum Beispiel ganz langsam Auto fahren. Oder zu Fuß gehen. Übrigens kann ich das auch so, dazu brauche ich nicht erst reich zu werden. Das beruhigt mich
    ungeheuer.
    Wenn ich reich wäre, dann würde ich - ja dann gäbe es noch sehr viel „würde". Es ist ein amüsantes Gedankenspiel, das man mit sich treiben kann, und auch psychologisch aufschlußreich. An den Luftschlössern, die man baut, erkennt man sein Ich und schaut tief in
    seine Seele. Ich zum Beispiel würde reisen, möglichst weit und möglichst bunt. Ich bin ein verhinderter Wikinger.
    Den Reichen sind solche Gedankenspiele versagt, sie haben die Wirklichkeit. Oder höchstens mit umgekehrtem Vorzeichen: Was würde man tun, wenn man arm wäre? Ich weiß nicht, ob sie sich mit dieser Frage beschäftigen. Vielleicht haben sie keine Zeit dazu, oder
    keine Phantasie.

    Um Geld schwebt ein Geheimnis. Niemand läßt sich gern in die Karten gucken, noch weniger aber ins Portemonnaie oder in den Bankauszug. Alles, nur das nicht! Vielleicht ist es ein dunkler Instinkt. Vielleicht auch Scham, bei dem einen, weil er zuviel, bei dem anderen, weil er zu wenig hat. Es wird auch, wenn wir von der Liebe absehen, nirgends soviel geflunkert als mit dem Geld. Die einen tun reich, um zu imponieren, die anderen arm, um vorzubeugen. Familienväter wissen, was ich meine.
    Als ich Referendar in Uerdingen war, zeigte mir der Kassenbeamte einen Hundertmarkschein, auf dem mit zierlicher Damenhandschrift geschrieben stand: Für diesen gab ich meine Unschuld. Der Schein wurde seit Jahren aufbewahrt und als sittengeschichtliches Dokument
    gezeigt und bewundert. Der Amtsrichter knüpfte daran juristische Erörterungen, der
    Aktuar machte die dazugehörigen einschlägigen Witze, die Referendare waren erschüttert. Ich war anderer Ansicht. Ich bin immer anderer Ansicht. Erstens: Eine junge Dame tut sowas nicht.
    Zweitens: Wenn sie es tut, gibt sie es nicht schriftlich. Und drittens: Wohin sollte es führen, wenn es alle täten und die Hundertmarkscheine als Beichtzettel mißbrauchten? Da müßte man
    das Format erheblich vergrößern.
    Das ist gerade das Schöne am Geld, daß ihm niemand ansieht, was es schon alles getan hat. Es riecht nicht, es verrät nicht, und es hat doch seine Geschichte.
    Für Geld kann man alles haben, Dinge und Menschen. Nur die Preise sind verschieden. Das einzige, was man nicht kaufen kann, ist Überzeugung. Eine Überzeugung, die käuflich wäre, ist wertlos, niemand würde etwas dafür geben.

    Meine Großmutter war eine tüchtige Frau, sie rechnete folgendermaßen: Einen Taler ausgeben oder sparen, macht einen Unterschied von zwei Talern. Ich glaube nicht, daß dieser Satz einer
    exakten mathematischen Nachprüfung standhält. Aber es hat sich praktisch bewährt, meine Großmutter hat danach gehandelt und es zu etwas gebracht.
    Uberhaupt hat das Geld seine eigenen arithmetischen Gesetze. Geld, das man hat, ist weniger wert als Geld, das einem fehlt. Zehn Pfennig, die man besitzt, reichen für zwei Zigaretten oder eine Kurzstrecke auf der Straßenbahn. Gerade eine Zeitung kann man sidi dafür kaufen. Aber zehn Pfennig, die fehlen, können einen zur Verzweiflung treiben. Ich wollte einmal den Rest meines Geldes umsetzen und hatte mir eine Zeche bis zum letzten Pfennig einschließlich Steuer und Bedienung ausgerechnet. Es kam genau aus. Als ich bezahlen wollte, rollte mir ein Groschen unter den Tisch und ließ sich nicht finden. Eine Viertelstunde lang bin ich wie ein
    Dackel herumgekrochen und habe ihn schließlich gefunden, aber ich kann nicht genau sagen, ob es wirklich mein Groschen war, solange habe ich gesucht. Was wäre geworden, wenn ich ihn nicht gefunden hätte? Noch heute bekomme ich einen roten Kopf.

    Zehn Pfennig nicht zahlen können ist lächerlich. Zehn Mark schulden ist peinlich. Von zehntausend Mark an wird es standesgemäß. Von zehn Millionen ab ist es Genialität.
    Es ist schicksalbestimmend, wie man im Leben sein erstes Geld verdient. Bei mir insofern, als ich es nur beinahe verdient habe. Das beinahe verdiente Geld verfolgt mich durchs Leben.
    Ich war ein kleiner Knirps. Mein Vater hielt mich für intelligent und veranstaltete zwischen mir und einem gleichaltrigen Jungen einen Wettbewerb. Intelligenzprüfung würde man heute sagen. Er gab uns eine karierte Kaffeedecke und setzte einen Preis von fünfzig Pfennig
    aus für den, der am schnellsten die Zahl der Felder feststellte. Der andere fing
    sogleich mühsam an zu zählen, hübsch der Reihe nach und tupfte mit den Fingern Reihe für Reihe ab und wurde blaß vor Anstrengung und Gier. Ich meinerseits machte ein süffisantes Gesicht, zählte eine Längsreihe und eine Querreihe und multiplizierte. Ich brauchte ein
    Viertel der Zeit, und daß ich dennoch zweiter Sieger blieb, lag nur daran, daß ich zwar geistreich, aber falsch gerechnet hatte, während der andere mühsam, aber richtig zählte. Er ist ein seriöser Geschäftsmann geworden mit Villa und Auto. Ich nur ein fröhlicher Schreiber, meine Autos haben meine Freunde. Aber heute ist es umgekehrt wie damals. Heute rechnet er, und ich -„zähle".
    Geld hat man nicht, aber man kann ruhig darüber sprechen.
  • bearbeitet 26. May
    Thaddeus Troll.
    Der Autosnob oder die Kunst, über eine Fahrt aufregend zu berichten

    Manche Leute ziehen ihr Auto an wie ein Kostüm. Sie schlüpfen in ihren Wagen wie hinter eine Maske. Ihr Bedürfnis, etwas darzustellen, befriedigen sie damit, dass sie sich mit immer größeren und prunkvolleren Wagen verkleiden. Um dieser Tendenz entgegenzukommen, ist der Chefkonstrukteur einer großen Autofirma damit beschäftigt, für die Käufer besserer Wagen auch bessere Köpfe zu entwerfen.
    Leider gibt es gesellschaftliche Außenseiter, die diese Entwicklung nicht mitmachen. Sie sind der Meinung, daß sich die Persönlichkeit, die laut Goethe höchstes Glück der Erdenkinder ist, nicht durch den Chromglanz eines imposanten Wagens ersetzen lasse. Für sie ist das Auto ein bloßer Gebrauchsgegenstand. Es klingt kaum glaublich, aber es gibt Menschen, die einen kleineren Wagen fahren, als sie sich leisten könnten; die sich lieber in eine murkliche Kiste mit starkem Motor als in ein großtuerisches Vehikel setzen. Diese Außenseiter machen es durch ihr asoziales Geis baren unmöglich, daß man den beruhigenden Satz: „Sage mir, was du fährst, und ich sage dir, was du sein willst!“ allgemein anwenden kann.
    Sie reisen zu ihrem Vergnügen, während andere Autoreisen machen, um davon erzählen zu können. Solche Outsider, die durch ihren verwerflichen Individualismus alle Maßstäbe der gesellschaftlichen Hierarchie fragwürdig machen, seien deshalb aus dieser Betrachtung ausgeschlossen. Unser Interesse gilt denen, die eine Autoreise nicht zu ihrem Vergnügen machen, sondern um darüber aufregend berichten zu können.
    Bekanntlich wurde das Fernsehen gegen die Langeweile in der Ehe erfunden. Darüber hinaus dient es dem Zweck, unseren Gästen eine gute Unterhaltung zu bieten, die den Gastgeber wenig kostet. Nun entblöden sich die Leute vom Fernsehen nicht, bisweilen statt köstlicher Abende uralte Sachen (z. B. von einem gewissen Shakespeare) auf den Bildschirm zu bringen, Sachen, die man als modern empfindender Mensch seinen so Gästen nicht zumuten kann. In einem solchen Fall bleibt einem nichts
    anderes übrig, als den Abend mit einem aufregenden Bericht über eine Autoreise zu vertreiben.
    Doch ist auch das eine Kunst, die gelernt sein will. Wie es beim Film gewisse Formeln gibt, die den Erfolg garantieren (Baby + Busen + Blut + Bibel), so gilt es auch in der Kunst, aufregend über eine Autoreise zu berichten, bestimmte Regeln einzuhalten. So muß zum Beispiel in allen Berichten unauffällig zum Ausdruck kommen, daß der Erzähler:
    1. schnell und sportlich fährt;
    2. ein gewiegter Techniker ist, der jeden Motor aus dem ff kennt;
    3. auf Damen unwiderstehlich wirkt und daß
    4. sein Auto, sei es noch so alt und unscheinbar, zur Spitzenklasse gehört und dank der Fahrkunst seines Besitzers so gut wie gar kein Benzin braucht. Wer von uns kennt nicht den Mann, der schon in drei Tagen nach Athen und in Non-Stop-Fahrten nach Taormina und nach Stockholm gebraust ist? Es ist schwierig, solche Leistungen zu überbieten, ohne an Glaubwürdigkeit einzubüßen. Ergreift also der Toni Sailer der Autobahn, den es in jeder Gesellschaft gibt, das Wort, um damit zu prahlen, daß er die Strecke von Stuttgart nach München mit fünf Liter Benzin in einer Stunde geschafft habe, so werfen Sie nonchalant ein:
    „Ich habe für diese Strecke neun Stunden gebraucht!“
    Alles verstummt. Neun Stunden für lumpige 225 Kilometer! Und der so gibt eine solche Schande auch noch zu! Man ist neugierig und erwartet von Ihnen, die näheren Umstände eines so blamablen Schnitts zu erfahren. Nun haben Sie freie Fahrt für Ihren aufregenden Bericht:
    „Es war kurz vor Ulm. Ich überhole einen Porsche, blättere ein wenig in der Zeitung, zünde mir eine Zigarette an und schaue auf die Uhr: Donnerwetter, eine Viertelstunde seit Stuttgart! Da sehe ich rechts am Randstreifen einen Jaguar mit offener Schnauze, in die ein reizendes Mädchen seinen Kopf steckt. Ich nichts wie rasant auf die Bremse getreten und zack! - steht er. Ich schraube mich los - Sie wissen doch, daß ich mich in meinen Roadster einschrauben muß, um bei der immensen Beschleunigung nicht herausgeschleudert zu werden - und schon bin ich draußen. ,5a, Puppe, wo fehlt’s?' Aber was soll die Frage! Sehe ich doch mit einem Blick, daß bei der Kleinen das Drehmoment verbogen ist...“
    Mit dem Drehmoment, der Kardanwelle und dem Differential können Sie stets Eindruck machen, weil sich fast niemand etwas darunter vorstellen kann. Sie haben nun einen Schuß Technik, Eros und Kavalierstugend in Ihre Erzählung gebracht und können unbesorgt fortfahren:
    „Ich ziehe mir den Handschuh über, ein Griff hinter die Nockenwelle am Achsschenkelbolzen der Kleinen vorbei ins Differential - und Schon ist das Ding wieder gerade gebogen. ,Nun probieren Sie mal!' sage ich. Die Schöne schwingt sich hinters Volant, Zündschlüssel rein, Gas, und was sage ich Ihnen: die Karre läuft!
    Machen Sie jetzt eine kleine Pause, um Ihren Zuhörern Gelegenheit für bewundernde Zwischenrufe zu geben: „Donnerwetter? — „Sie sind ja ein Mordskerl!“ - „Na, hören Sie mal!“ - „Die wäre bei mir aber nicht so ungerupft davongefahren!“
    Nun berichten Sie weiter: „Lassen Sie mich doch zu Ende erzählen! Ich sage zu der Kleinen - als sie sich im Hotel eintrug, stellte es sich heraus, daß es eine Gräfin war, Sie kennen doch sicher die Adamecs, alter Stall, so spielten unter Bismarck eine große Rolle, hatten bedeutende Güter in Schlesien — also ich sage zu der Süßen: „Nu lassen Sie schon Ihren Schlitten stehen und fahren Sie mit meinem Untersatz nach München/“ (Hier machen Sie eine genüßliche Pause.) „Und wissen Sie, was mir die Gräfin am anderen Morgen beim Frühstück gesagt hat? ,Heinz', hat sie gesagt, Heinz, das war die himmlischste Panne meines Lebens/“
    Ich garantiere Ihnen, eine Geschichte dieser Art wird großen Eindruck machen, besonders auf Ihre Gattin. Nun gibt es allerdings Frauen, die auf solche Berichte sauer reagieren. In diesem Fall empfiehlt es sich, Ihrer Erzählung statt des erotischen Parfums kriminalistisches Fluidum zu geben.
    Solche Geschichten müssen Sie mitten drin anfangen: „... Also da sehe ich doch plötzlich im Rückspiegel, wie das alte Mütterlein seelenruhig seine Pistole aus dem Pompadour nimmt, ohne mit der Wimper zu zucken ein Magazin mit sechs scharfen Schüssen einrasten läßt und kaltblütig durchlädt.“
    Dieser Anfang ist gut. Das alte Mütterlein verfehlt nie seine Wirkung- Sie kennen es doch: es ist dasselbe, das im Krieg vor der Ruine seines Häuschens stand und gläubigen Auges sagte: „Was schiert es mich, wenn nur das Bild des Führers noch an der Wand hängt!“ Später wurde es von entmenschten Horden vergewaltigt, und heute ist es bei der Wochenschau angestellt, um prominenten Gästen, die auf dem Flugplatz Wahn landen, spontan einen Blumenstrauß zu überreichen
    Und nun kommt die Rückblende, wie man es im Film nennt. „Die alte Oma hatte ich an der Einfahrt Lohausen aufgelesen, wo ich gerade einen Thunderbird überholte. Sie winkte mit einem Strauß Vergißmeinnicht. Ich steige auf die Bremse: ,Na wohin, Muttchen?' - ,Nach Celle. Ich habe ausbaldowert, daß mein Bruder im Knast ist und muß meiner Schwester Kies bringen', sagt sie mit tiefer Stimme. Mir ist die Sache nicht ganz geheuer. Aber Sie wissen ja: ich kann keinem Abenteuer widerstehen. Diese Stimme, diese behaarten Hände mit Blut unter den Nägeln! Ziemlich, unrasiert war das Mütterchen auch. Ich will sie neben mich setzen, aber sie beharrt darauf, im Fond zu sitzen, ,’s ist wegen der Gicht, guter Mann!'“
    Jetzt haben Sie die Spannung auf die Spitze getrieben. Wie nun die Geschichte zu Ende bringen, ohne Ihren Ruhm aufs Spiel zu setzen? Mit Polizei? Nein: Selbst ist der Held! Mit Blutvergießen? Das ist zu unglaubhaft! Also mit List!
    „Also wie ich da im Rückspiegel sehe, wie die Alte mit der Pistole fuchtelt, da kommt mir eine Idee. Ich halte. ,Was ist los?' fragt der verkleidete Gangster. ,Ich glaube, ich habe einen Platten. Wollen Sie nicht mal aussteigen und nachsehen, Muttchen? Kommen Sie, ich halte solange Ihre Tasche!' sage ich eiskalt. Sie oder vielmehr er steigt aus, ich nehme ihm mit sanfter Gewalt den Pompadour ab. Und sobald er draußen ist, Gang rein, Fuß aufs Gaspedal, und ab mit Caracho - Sie kennen ja die Anzugskraft meines Sebulon. Und wie ich dann bei der nächsten Rast den Pompadour visitiere, was finde ich da?“
    „Die Pistole!“ wird Ihnen atemlos und keuchend ihr gebanntes Publikum wie aus der Pistole geschossen zurufen.
    Und jetzt lassen Sie ganz lässig, ganz bescheiden die Pointe fallen. „Die auch! Und außerdem die 500 Mille aus dem Bankeinbruch in Köln-Kalk!“
  • bearbeitet 27. May
    Kurt Tucholsky
    Ratschläge für einen schlechten Redner

    Fang nie mit dem Anfang an, sondern immer drei Meilen vor dem Anfang! Etwa so:
    „Meine Damen und meine Herren! Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich Ihnen kurz ..."
    Hier hast du schon so ziemlich alles, was einen schönen Anfang ausmacht: eine steife Anrede; der Anfang vor dem Anfang; die Ankündigung, daß und was du zu sprechen beabsichtigst, und das Wörtchen kurz. So gewinnst du im Nu die Herzen und die Ohren der
    Zuhörer.
    Denn das hat der Zuhörer gern: daß er deine Rede wie ein schweres Schulpensum aufbekommt; daß du mit dem drohst, was du sagen wirst, sagst und schon gesagt hast. Immer schön umständlich.
    Sprich nicht frei - das macht einen so unruhigen Eindruck. Am besten ist es: du liest deine Rede ab. Das ist sicher, zuverlässig, auch freut es jedermann, wenn der lesende Redner nach jedem viertel Satz mißtrauisch hochblickt, ob auch noch alle da sind.
    Wenn du gar nicht hören kannst, was man dir so freundlich rät, und du willst durchaus und durchum frei sprechen ... du Laie! Du lächerlicher Cicero! Nimm dir doch ein Beispiel an unsern professionellen Rednern, an den Reichstagsabgeordneten - hast du die schon mal frei sprechen hören? Die schreiben sich sicherlich zu Hause auf, wann sie „Hört! hört!" rufen ... ja, also wenn du denn frei sprechen mußt: Sprich, wie du schreibst. Und ich weiß, wie du schreibst.

    Sprich mit langen, langen Sätzen - solchen, bei denen du, der du dich zu Hause, wo du ja die Ruhe, derer du so sehr benötigst, deiner Kinder ungeachtet, hast, vorbereitest, genau weißt, wie das Ende ist, die Nebensätze schön ineinandergeschachtelt, so daß der Hörer, ungeduldig auf seinem Sitz hin und her träumend, sich in einem Kolleg wähnend, in dem er früher so gern geschlummert hat, auf das Ende solcher Periode wartet... nun, ich habe dir eben ein Beispiel gegeben. So mußt du sprechen. Fang immer bei den alten Römern an und gib stets, wovon du auch sprichst, die geschichtlichen Hintergründe der Sache. Das ist nicht nur deutsch - das tun alle Brillenmenschen. Ich habe einmal in der Sorbonne einen chinesischen Studenten sprechen hören, der sprach glatt und gut französisch, aber er begann zu allgemeiner Freude so: „Lassen Sie mich Ihnen in aller Kürze die Entwicklungsgeschichte
    meiner chinesischen Heimat seit dem Jahre 2000 vor Christi Geburt..." Er blickte ganz erstaunt auf, weil die Leute so lachten.
    So mußt du das auch machen. Du hast ganz recht: man versteht es ja sonst nicht, wer kann denn das alles verstehen, ohne die geschichtlichen Hintergründe... sehr richtig! Die Leute sind doch nicht in deinen Vortrag gekommen, um lebendiges Leben zu hören, sondern das, was sie auch in den Büchern nachschlagen können ... sehr richtig! Immer gib ihm Historie, immer gib ihm.

    Kümmere dich nicht darum, ob die Wellen, die von dir ins Publikum laufen, auch zurückkommen - das sind Kinkerlitzchen. Sprich unbekümmert um die Wirkung, um die Leute, um die Luft im Saale; immer sprich, mein Guter. Gott wird es dir lohnen.
    Du mußt alles in die Nebensätze legen. Sag nie: „Die Steuern sind zu hoch." Das ist zu einfach. Sag: „Ich möchte zu dem, was ich soeben gesagt habe, noch kurz bemerken, daß mir die Steuern bei weitem ..." So heißt das.
    Trink den Leuten ab und zu ein Glas Wasser vor - man sieht das gern.
    Wenn du einen Witz machst, lach vorher, damit man weiß, wo die Pointe ist.

    Eine Rede ist, wie könnte es anders sein, ein Monolog. Weil doch nur einer spricht. Du brauchst auch nach vierzehn Jahren öffentlicher Rednerei noch nicht zu wissen, daß eine Rede nicht nur ein Dialog, sondern ein Orchesterstück ist: eine stumme Masse spricht nämlich
    ununterbrochen mit. Und das mußt du hören. Nein, das brauchst du nicht zu hören. Sprich nur, lies nur, donnere nur, geschichtete nur.
    Zu dem, was ich soeben über die Technik der Rede gesagt habe, möchte ich noch kurz bemerken, daß viel Statistik eine Rede immer sehr hebt. Das beruhigt ungemein, und da jeder imstande ist, zehn verschiedene Zahlen mühelos zu behalten, so macht das viel Spaß.
    Kündige den Schluß deiner Rede lange vorher an, damit die Hörer vor Freude nicht einen Schlaganfall bekommen. (Paul Lindau hat einmal einen dieser gefürchteten Hochzeitstoaste so angefangen: „Ich komme zum Schluß.") Kündige den Schluß an, und dann beginne deine Rede von vorn und rede noch eine halbe Stunde. Dies kann man mehrere Male wiederholen.

    Du mußt dir nicht nur eine Disposition machen, du mußt sie den Leuten auch vortragen - das würzt die Rede.
    Sprich nie unter anderthalb Stunden, sonst lohnt es gar nicht erst anzufangen.
    Wenn einer spricht, müssen die andern zuhören - das ist deine Gelegenheit! Mißbrauche sie.
    Ratschläge für einen guten Redner Hauptsätze. Hauptsätze. Hauptsätze.
    Klare Disposition im Kopf - möglichst wenig auf dem Papier.
    Tatsachen, oder Appell an das Gefühl. Schleuder oder Harfe. Ein Redner sei kein Lexikon. Das haben die Leute zu Hause.
    Der Ton einer einzelnen Sprechstimme ermüdet; sprich nie länger als vierzig Minuten. Suche keine Effekte zu erzielen, die nicht in deinem Wesen liegen. Ein Podium ist eine unbarmherzige Sache - da steht der Mensch nackter als im Sonnenbad.
    Merk Otto Brahms Spruch: Wat jestrichen is, kann nicht durchfalln.
  • bearbeitet 27. May
    Kurt Tucholsky
    Der Primus

    In einer französischen Versammlung neulich in Paris, wo es übrigens sehr deutschfreundlich herging, hat einer der Redner einen ganz entzückenden Satz gesagt, den ich mir gemerkt habe. Er sprach von dem Typus des Deutschen, analysierte ihn nicht ungeschickt und sagte dann, so ganz nebenbei: „Der Deutsche gleicht unserm Primus in der Klasse." "Wenn es mir die 'Leipziger Neuesten Nachrichten' nicht verboten hätten, hätte ich Hurra! gerufen.
    Können Sie sich noch auf unsern Klassenprimus besinnen? Kein dummer Junge, beileibe nicht. Fleißig, exakt, sauber, wußte alles und konnte alles und wurde - zur Förderung der Disziplin - vom Lehrer gar nicht gefragt, wenn ihm an der Nasenspitze anzusehen war, daß er diesmal keine Antwort wußte. Der Primus konnte alles so wie wir andern, wenn wir das Buch unter der Bank aufgeschlagen hatten und ablasen. Meist war er nicht mal ein ekelhafter Musterknabe (das waren die Streber auf den ersten Plätzen, die gern Primus werden wollten) - er war im großen ganzen ein ganz netter Mensch, wenn auch eine leise Würde von ihm sanft ausstrahlte, die einen die letzte Kameradschaft niemals empfinden ließ. Der Primus arbeitete wirklich alles, was aufgegeben wurde, er arbeitete mit Uberzeugung und Pflichtgefühl, er machte seine Arbeit um der Arbeit willen, und er machte sie musterhaft.
    Schön und gut.

    Da waren aber noch andre in der Klasse, die wurden niemals Primus. Das waren Jungen mit Phantasie (kein Primus hat Phantasie) - Jungen, die eine fast intuitive Auffassungsgabe hatten, aber nicht seine Leistungsfähigkeit, Jungen mit ungleicher Arbeitskraft, schwankende, ewig ein wenig suspekte Gestalten. Sie verstanden ihre Dichter oder ihre Physik oder ihr Englisch viel besser als die andern, besser als der ewig gleich arbeitsame Primus und mitunter besser als der Lehrer. Aber sie brachten es zu nichts. Sie mußten froh sein, wenn man sie überhaupt versetzte.

    Es müßte einmal aufgeschrieben werden, was Primi so späterhin im Leben werden. Es ist ja nicht grade gesagt, daß nur der Ultimus ein Newton wird, und daß es schon zur Dokumentierung von Talent oder gar Genie genügte, in der Klasse schlecht mitzukommen. Aber ich glaube nicht, daß es viele Musterschüler geben wird, die es im Leben weiter als bis zu einer durchaus mittelmäßigen Stellung gebracht haben.

    Der Deutsche, wie er sich in den Augen eines Romanen spiegelt, ist zu musterhaft. Pflicht - Gehorsam - Arbeit: es wimmelt nur so von solchen Worten bei uns, hinter denen sich Eitelkeit, Grausamkeit und Überheblichkeit verbergen. Das Land will seine Kinder alle zum Primus erziehen. Frankreich seine, zum Beispiel, zu Menschen, England: zu Männern. Die Tugend des deutschen Primus ist ein Laster, sein Fleiß eine unangenehme Angewohnheit, seine Artigkeit Mangel an Phantasie. In der Aula ist er eine große Nummer, und auch vor dem Herrn Direktor. Draußen zählt das alles nicht gar so sehr. Deutschland, Deutschland, über alles kann man dir hinwegsehen - aber daß du wirklich nur der Primus in der Welt bist: das ist bitter.
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