Kleine Geschichten

edited October 2018 in Deutsch
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Eine Geschichte des kolumbianischen Schriftstellers Alonso Fernández Villareal, auf Spanisch nacherzählt von Fatima El-Kosht und Lisa Hirsch
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An dem Tag als ich meine Großmutter – die Mutter meiner Mutter – kennenlernen sollte, zog man mir eine knielange Hose an, neue Lackschuhe und eine Jacke mit ledernem Brustteil und setzte mir eine Mütze auf, wie sie die Fußballtorwarte der fünfziger Jahre trugen.
Die Großmutter kam auf unseren Bauernhof zu Besuch. Sie war wunderbar. Ihr gütiger Blick und ihre Ausgeglichenheit wirkten beruhigend auf mich. Sie hatte ganz weißes Haar, zarte Hände mit langen Fingern. Sie sprach sanft und ohne Akzent. Ihre Kleidung roch nach Kölnisch Wasser und Mottenkugeln.
Später wurde mir klar, dass Kleider, die man zu besonderen Anlässen oder sonntags trug, diesen Geruch hatten, der verhinderte, dass sie Opfer der Motten wurden. Seitdem verbinde ich den Geruch von Naphthalin mit dem Alter.
Nachdem die Großmutter einige Tage bei uns verbracht hatte, entschied sie sich, ganz bei uns zu bleiben. Mein recht geräumiges Zimmer wurde durch einen mit buntem Segeltuch bespannten Holzrahmen geteilt. Abends vor dem Zubettgehen erzählte sie mir Geschichten aus ihrer Kindheit und vom Leben zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie erzählte, wie 1900, als sie zehn Jahre alt war, das Erscheinen des ersten Autos in ihrem Dorf großen Schrecken verbreitete; eine unheimliche Maschine, die unbekannte Geräusche machte, Abgase von unerträglichem Geruch ausstieß und möglicherweise das Ende der Welt ankündigte, wie die Ältesten meinten.
Ich schlief ein und träumte vom Gestern meiner Großmutter und ihrer Welt.
Eines Morgens, nachdem die Kühe gemolken waren, nahm mich die Großmutter bei der Hand und führte mich zum Esstisch, zeigte mir ein Büchlein mit vielen Bildern und sehr großen Buchstaben und sagte: "Du bist jetzt fünf Jahre alt, und es wird Zeit, dass du lesen und schreiben lernst." Ich wollte eigentlich lieber spielen: auf die voller Früchte hängenden Mandarinenbäume klettern, meine Zielfertigkeit mit der Schleuder üben, reiten oder mit dem Lasso Kälber einfangen.
Aber der Sanftheit, mit der die Großmutter sprach, konnte ich nicht widerstehen. Sie hatte aus Zeitschriften und Zeitungen Bilder von Mandarinen, Guaven, Mangos, Kälbern, Pferden ausgeschnitten und auf Pappe geklebt. Sie breitete sie auf dem Tisch aus und sagte, dass man die Sachen nicht nur mit Buntstiften malen könne, sondern auch mit Buchstaben.
Nach und nach lernte ich, wie man mit den Buchstaben Pferde, Kälber, Mangos, Guayabas, Orangen und Guamas malen konnte. Wir hatten ein Spiel: sie malte mit Buchstaben eine Mango, Mandarine oder Papaya, und ich musste die dann holen, und wir aßen sie gemeinsam auf. Auch Dinge, die man nicht sieht, sondern denkt und fühlt, auch das, was man tut oder was geschieht, konnte man mit Buchstaben malen. Wenn die Worte in die richtige Reihenfolge gebracht waren, kam zum Vorschein, was in einem vorging.
Ich weiß nicht mehr, wann ich anfing, im ABC-Buch kleine Geschichten zu lesen und Sätze zu schreiben, in denen ich der Großmutter über den Zusammenhang von Dingen erzählte, die man sah und fühlte. Ich weiß noch, dass ich ihr vom Duft des Pomarrosa berichtete, vom Geruch des Grases und der Milch im Atem der Kälber, vom Rascheln des Windes in den Kaffeefeldern, vom Murmeln des Wassers in dem Bach, in dem ich angelte. Ich erzählte ihr von der Traurigkeit der Dämmerung und der Angst, die kleine Welt unseres Heims mit den Eltern und meiner lieben Großmutter zu verlieren.
Sie antwortete mir, die beste Art, Angst und Traurigkeit zu besiegen, sei eben genau dies: sie mit Buchstaben zu malen, damit auch andere es sehen, lesen und verstehen können.
Wenn man über Ängste und Sorgen schreibt, machen sie sich davon und verstecken sich an Orten, die sehr weit weg sind von unserem Herzen und unserem Kopf.
Die Großmutter brachte mir bei, dass die Buchstaben mit Schönheit gemalt werden müssen. Ich lernte einen Federhalter mit Metallfeder handhaben. Bevor man eine neue Feder in Gebrauch nahm, musste man sie über einer Flamme erhitzen und dann schnell in die Tinte tauchen, wobei ein Zischen erklang, als wollte man um Ruhe bitten. Wir zeichneten beide die Buchstaben der Wörter, wie sie sagte, mit Haarstrich und Grundstrich, und dann verglichen wir sie.
Nie konnte ich sie übertreffen, die Großmutter war die beste Buchstabenmalerin der Welt.
Heute denke ich, dass die Jahre mit meiner Großmutter die glücklichsten meiner Kindheit waren. Danach kamen andere Zeiten, die Pubertät und der Eintritt in die schwierige Welt der Erwachsenen.

Comments

  • edited July 2018
    Abschied nehmen
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    Die gewalttätige Auseinandersetzung zwischen Liberalen und Konservativen zwang Ende der 1950er Jahre meinen Vater, unseren gesamten Besitz zu einem Spottpreis zu verkaufen.
    Es war ein Hof von 85 Hektar zwischen den Provinzen Tolima und Cundinamarca im Inneren von Kolumbien, bewässert von zwei Flüsschen, mit erntebereiten Kaffeefeldern und zwei saftigen Weiden für das Vieh, auf denen viele Bäume Schatten spendeten; mittendrin stand ein Haus, neben einem gewaltig großen Gummibaum; es war umgeben von Orangen-, Mandarinen-, Mango- und Guanábanabäumen.
    Hier wurden wir vier Geschwister geboren. "Die Gewalt" in Kolumbien hat damals wie heute ihre Wurzeln im Kampf um Landbesitz. Die Landkonzentration in den Händen von liberalen wie auch konservativen Eigentümern wurde damals als ideologischer Kampf zwischen diesen zwei traditionellen Parteien ausgegeben und wird heutzutage als Kampf gegen Terrorismus und Rauschgifthandel dargestellt.
    Nach Unterschreiben des Kaufvertrages konnten wir die Wochen, die man uns gewährt hatte, um den Besitz zu übergeben, ruhig schlafen. Die Käufer, kämpferische Mitglieder der konservativen Partei, hatten es «legal» geschafft, uns unser Land abzunehmen.
    In den vorangegangenen Monaten hatte mein Vater die Nächte mit einem doppelläufigen Gewehr und einem Revolver an den Fenstern des Wohnzimmers verbracht, um hinauszusehen, wenn unser Wachhund Camarón bellte oder wenn er seltsame Geräusche hörte. Ich lag derweil auf dem Fußboden und hielt die Munitionskiste bereit, um nötigenfalls die Waffen nachzuladen. Meine Mutter, meine Geschwister und meine Großmutter schliefen – zumindest versuchten sie es – in einem Raum in der Nähe des Esszimmers der Arbeiter, von wo aus man direkt in eines der Kaffeefelder weglaufen konnte, ohne gesehen zu werden. Der Plan meines Vaters war zu dieser Zeit noch, bis zum Ende auszuharren, damit der Rest der Familie fliehen könne. Wir wussten um das Ende von Nachbarn: Deren Häuser wurden in Brand gesteckt, und als sie vor dem Feuer flohen, wurde einer nach dem anderen umgebracht. Dass unser Haus Wände aus Stein und ein Dach aus Zinkblech hatte, gab uns etwas Sicherheit, wenigstens hätten wir durch den von meinem Vater gebauten Ausgang fliehen können, wenn wir nicht von einer Handgranate erwischt würden.
    Mehrere Male rannten Mutter, Großmutter und Geschwister nachts in die Kaffeefelder hinaus, weil unser Wachhund falschen Alarm geschlagen hatte.
    Camarón war ein großer schwarzer wolliger Hund, dessen Rasse nicht festzustellen war, aber er war ein guter Jäger und mutig bei der Verteidigung des Hauses. Eines Tages kam er nicht von seinem täglichen Streifzug durch das nahe Dorf zurück.
    Am nächsten Tag brachten ihn ein paar Freunde, nachdem sie den Todgeweihten am Dorfausgang gefunden hatten.
    Die Polizei hatte ihn in einer Maßnahme gegen die Tollwut vergiftet. Zufällig waren es immer die Hunde von Liberalen, die diese Krankheit zu bekommen drohten. Dieser Wink machte uns die durchwachten Nächte noch schwerer und bewog schließlich meinen Vater, den Hof zu verkaufen.
    Lange Zeit betrachtete ich den Kadaver mit tränengefüllten Augen. Dann hob ich ihn mit Schwierigkeiten hoch und trug ihn zum Ufer eines Flüsschens. Dort begrub ich ihn unter einem Guamabaum an dem Platz, wo er an heißen Tagen gern geschlafen hatte. Ich markierte sein Grab mit Stöckchen vom Guayacánbaum, mit denen wir gespielt hatten, und weinte leise vor mir hin. Dann aber stieg eine gewaltige Wut in mir hoch, die erst viele Jahre später verging.
    Meine kleinen Geschwister riefen nach Camarón, dass er an ihrer Seite essen solle. Die Großmutter erklärte ihnen, dass Camarón mit seinen Eltern in ein Dorf gegangen sei, von wo aus er uns hören und uns antworten könne, mit einem Geheul, wie er es immer zum Mond geschickt hatte, wenn er traurig war.
    Die Tage vor der Fahrt in die Hauptstadt gehören zu den bittersten meines Lebens. Ich verabschiedete mich von den Obstbäumen, von den Bächen und ihren Fischen, von meinem Pferd und vom Haus. Auf dem Gang zum Lastwagen mit unseren Habseligkeiten verabschiedete ich mich von Camarón. Ich nahm eine Hand voll Erde von seinem Grab und füllte sie in den Beutel, in dem ich meine Murmeln hatte. Die Murmeln
    hinterließ ich Camarón, in einem Kreis um ein Guayacánstöckchen herum.
    Ohne mich umzusehen lief ich zum Lastwagen. Ich kletterte hinauf und setzte mich auf eine Matratze, die wie eine traurige Krönung unserer Habseligkeiten erschien, mit denen wir unser neues Leben beginnen würden, weit weg von unserem geliebten Land. Mutter, Großmutter und Geschwister fuhren im Auto meines Onkels. Mein Vater fragte mich, ob ich mit ihm zusammen in der Kabine fahren wolle, aber ich sagte ihm, dass ich lieber da oben bliebe, wo ich war.
    «In der Hauptstadt ist es kalt, zieh dich warm an», sagte der Vater und fuhr los. Auch er sah sich nicht um.
    Stunden später weckte mich ein kalter Wind. Es war Nacht, und man sah von weitem den flimmernden gelben Widerschein der Lichter der Hauptstadt. Wir fuhren auf der Landstraße, die hinab in die Savanne von Bogotá führte. Von hier sahen die Autos, die auf den Straßen und Alleen fuhren, wie Glühwürmchen aus und die Häuser wie erleuchtete Bienenwaben.
    Beim Einfahren in die Stadt hatte ich den Eindruck, dass sich kein Mensch um einen anderen schert. Die Leute sehen die Welt anders als wir, wenn wir auf einem von Bäumen gesäumten Weg oder durch eine Ebene gehen. Jeder ist mitseinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt.
    In der Straße, wo meine Tante María wohnte, kam niemand aus den Häusern heraus, nicht aus Neugier und noch weniger, um uns beim Abladen unserer Habseligkeiten zu helfen, so wie es in unserem Dorf geschehen wäre. Mein Vater und ich mussten alles alleine machen.
  • edited July 2018
    Der sprechende Fluss
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    Vor langer, langer Zeit gab es einen Gott. Er hieß Inti, der Sonnengott. Er lebte im Himmel mit allen seinen Verwandten. Sein Sohn Rimac hatte ab und zu Lust, die Erde zu besuchen. Wenn er herunterflog, verwandelte er sich in einen normalen Menschen. Und wenn er auf die Erde kam, unterhielt er sich mit den Menschen und erzählte schöne Geschichten. Und die Menschen kannten ihn gut und verehrten ihn. Wenn er sie besucht hatte, kehrte er wieder in den Himmel zurück.
    Eines Tages, als er vom Himmel auf die Erde herabsah, bemerkte er sehr viel Leid: eine entsetzliche Dürre! Langsam starben die Pflanzen, die Tiere und die Menschen. Der Gott Rimac sagte zu den anderen Göttern: "Schaut auf die Erde! Was ist geschehen? Wir müssen etwas unternehmen!" Der Gott Rimac lud die anderen Götter zu einer Versammlung ein.
    Alle versammelten sich und erzählten dem höchsten Gott, was sie gesehen hatten. Und sie sagten: "Bitte, bitte, kannst du etwas dagegen tun? Kannst du die Menschen von dieser schrecklichen Dürre befreien?"
    Der höchste Gott antwortete: "Es tut mir leid! Ich bin an die göttlichen Gesetze gebunden. Ich kann nichts tun. Nur wenn sich einer von euch opfert, wenn sich ein Gott opfert, kann ich etwas machen." Die erste Reaktion auf diese Mitteilung war eine lange Stille.
    Alle Götter schauten sich an und überlegten: "Was können wir tun?"
    Plötzlich stand eine junge Frau auf, die Schwester von Rimac, und sagte: "Gut, wenn es so ist, bin ich bereit, mich zu opfern." Sie war die Tochter des höchsten Gottes und hieß Chaclla. Ihr Bruder Rimac sagte: "Nein, das kann ich nicht zulassen. Ich möchte mich opfern."
    Es gab eine große Debatte. Die Schwester sagte: "Nein, du darfst dich nicht opfern! Die Menschen werden dich und deine schönen Geschichten vermissen. Das geht nicht!" Die Diskussion ging hin und her, sie konnten sich nicht einigen.
    Schließlich kamen sie zu dem Schluss: "Dann müssen wir uns beide opfern." Der höchste Gott war traurig, weil er auf diese Weise beide Kinder verlieren würde. Aber er fand sich damit ab. "Gut, wenn beide es wollen, können wir das machen." Sie wurden zum Altar gebracht und geopfert.
    Nun konnte der höchste Gott den Wolken befehlen, zu regnen.
    Und es begann zu regnen. Viel, sehr viel Regen fiel herab. Und die Menschen auf der Erde jubelten und waren glücklich, die Pflanzen fingen an zu blühen und die Tiere konnten genug Pflanzen finden, um sich zu ernähren. Alles war wieder in Ordnung.
    Das Wasser versickerte und langsam rann es in den Fluss, dort verdunstete es und kam zurück in den Himmel. Etwas später entleerten sich die Wolken aufs Neue und das Wasser kam wieder zur Erde. Dieser Prozess dauerte 40 Tage, dann endete er.
    Die Frau Chaclla wurde in Regen verwandelt und blieb immer Regen. Und der junge Mann Rimac verwandelte sich in einen Fluss. Die Menschen konnten ihn nicht mehr sehen und haben seine Geschichten vermisst. Aber die Legende sagt: Wenn die Menschen sich am Fluss versammeln und aufmerksam den Geräuschen des Wassers lauschen, werden diese mit der Zeit in menschliche Stimmen verwandelt. Und die Menschen können wieder die Geschichte von dem jungen Mann Rimac hören. Daher wurde der Fluss "der sprechende Fluss" genannt – auf Spanisch: "El Río hablador".
  • edited January 2019
    Eine große Liebe

    Eine Geschichte aus Bosnien-Herzegowina, auf Serbokroatisch
    erzählt von Seherzada Saric-Husic
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    In einem Dorf lebten zwei alte Menschen, die sich das ganze Leben lang geliebt hatten. Das einzige, was ihre Liebe nicht erreichen konnte, waren Kinder. Das störte die beiden nie, wohl aber die Menschen in ihrem Dorf. Sie lachten die beiden deswegen täglich aus.
    Eines Tages entschied die Frau, ein Mädchen zu suchen, das bereit wäre, ihren Mann zu heiraten, um ihm Kinder zu schenken. Fest entschlossen machte sie sich auf den Weg und traf eine junge Frau, der sie ihr Problem schilderte. Sie fragte sie, ob sie ihren siebzigjährigen Mann heiraten würde. Die junge Frau hörte sich ihre Geschichte an und willigte ein, ihren Mann zu heiraten. Jedes Jahr schenkte sie ihm ein Kind.
    Die Bewohner des Dorfes hätten nie gedacht, dass eine Frau, die so lange glücklich erheiratet war, für ihren Mann derartiges tun würde.
    Es geschah wegen ihrer großen Liebe zu ihm. Andere Menschen konnten nicht verstehen, dass eine Liebe zwischen zwei Menchen so stark sein könnte, nach fast 70 Jahren.
    Die Zeit verging, und langsam starben die Bewohner des Dorfes.
    Am Ende blieb niemand mehr übrig außer den zwei Alten mit ihren Kindern und der jungen Frau. Eine neue Generation wuchs heran und die Liebe der beiden Alten zueinander wurde noch stärker.
    Das ist eine Geschichte über eine wahre und unzerstörbare Liebe, die nie gestorben ist. Die Liebe hat gewonnen und diejenigen, die die beiden nicht gemocht haben, sind verschwunden.
  • edited January 2019
    Mullah Nasradin, die Liebe und die Trauer

    Eine Geschichte aus dem Iran, auf Farsi (Persisch)
    erzählt von Mainoosh Sorkhkamal zadeh
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    Zanesh, die Frau von Mullah Nasradin, war eine außerordentlich liebevolle, gute Hausfrau und vor allem war sie sehr genügsam. Sie besorgte Nasradin den Haushalt, wie es nicht besser hätte sein können. Alle haben sie geliebt und gelobt. Jeden Tag ging sie zum großen Fluss, um die Wäsche zu waschen.
    Eines Tages ging sie wieder zum Fluss, um zu waschen. Da kam mit einem Mal eine riesige Welle und riss sie mit sich fort. Mullah Nasradin sah es, tat aber nichts und klagte nur: „Oh mein Gott, mein Gott, der Fluss hat mir meine Frau genommen!“ Und er schaute ihr nach und sah zu, wie die Strömung sie davontrug.
    Als die Trauerzeit vorüber war, heiratete Mullah Nasradin zum zweiten Mal. Auch die zweite Frau war fleißig und eine ordentliche Hausfrau, aber Mullah Nasradin musste sich sehr um sie bemühen, sie verlangte ihm allerlei Opfer ab. Sie war einfach nicht so genügsam wie seine erste Frau und mit dieser auch sonst gar nicht zu vergleichen. Aber wie das Schicksal so spielt: Eines Tages passierte ihr dasselbe: Eine große Welle schwemmte sie fort, als sie gerade dabei war, die Wäsche am Fluss zu waschen. Mullah Nasradin, der ihr nachgefolgt war, sah, was passierte, rannte ihr nach, so schnell er konnte, und versuchte, sie zu retten. Er schrie: „Oh mein Gott! Mein Geld, meine Zeit, meine Energie – was habe ich nicht alles in sie investiert! Oh mein Gott, ich habe alles verloren!“ Die Rettung misslang zwar, aber anders als bei seiner ersten Frau setzte er seine ganze Kraft für sie ein.
    Die Geschichte zeigt:
    Der Wert, den ein Mensch für einen anderen hat, hängt davon ab, wie viel man ihm gegeben hat, was man für ihn getan und in ihn investiert hat. Es kann einer noch so liebevoll, fleißig und genügsam sein: Sein Verlust wiegt weniger als der Verlust eines Menschen, um den man sich ganz besonders bemüht hat.
    Es bleibt ein Rätsel: Die Liebe scheint mehr mit dem Materiellen verbunden zu sein, als mit dem, was sie wirklich ist!
  • edited January 2019
    Die Geschichte vom Pepuk-Vogel

    Eine kurdische Geschichte, auf Türkisch
    erzählt von Digdem Bayhan
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    Die Sage vom Pepuk-Vogel hat mir meine liebste Großmutter erzählt, als ich sehr klein war: Aus diesem Grund möchte ich diese Geschichte meiner Großmutter Güllü Bayhan widmen.
    Es war einmal eine nette Familie, die in einem kleinen Dorf in Ost-Anatolien lebte. Eine Familie, die zwei Kinder hatte. Das erste war ein Mädchen, als zweites wurde ein Junge geboren. Diese Familie war für ihre Gastfreundschaft und Heiterkeit sehr bekannt. Sie lebten
    glücklich miteinander, bis die Mutter eines Tages plötzlich starb. Der Vater, die Kinder und die Dorfbewohner waren sehr traurig. Da der Vater viel arbeitete, dachte er, er müsse heiraten, damit seine Kinder wieder eine Mutter hätten. Er fand eine Frau und heiratete sie.
    Die Stiefmutter war aber alles andere als nett. Da sie unfruchtbar war und keine Kinder bekommen konnte, war sie zu beiden Kindern sehr gemein. Sie quälte und schlug sie und zwang die Kinder, zu arbeiten.
    Die Kinder erzählten ihrem Vater davon kein Wort, sie wollten ihren Vater nicht unglücklich machen und dachten, er werde ihnen ja ohnehin nicht glauben.
    An einem Frühlingstag verlangte die Stiefmutter, dass beide Geschwister für die Zubereitung des Essens ein bestimmtes Kraut sammeln sollten, Habichtskraut genannt. Daraus konnte man ein Essen zubereiten und auch als Kaugummi für die Kinder war das Kraut im Dorf sehr beliebt. Die Stiefmutter gab den Kindern einen Sack, ein Messer und eine Hacke.
    Die beiden Kinder machten sich gleich in der Früh auf den Weg, um das Habichtskraut zu sammeln. Der kleine Junge trug den Beutel über der Schulter, und die ältere Schwester sammelte das Kraut mit einem Messer und warf es in den Beutel. Als es Abend wurde und
    sie sich auf den Heimweg machten, wollte die Schwester kurz sehen, wie viel sie gesammelt hatten. Als sie den Beutel öffnete, war kein einziges Kraut darin!
    Die Schwester wurde sehr böse und beschuldigte ihren Bruder. Sie schrie: „Hast du das alles aufgegessen? Jetzt werden wir von der Stiefmutter bestraft!“ Der kleine Bruder antwortete verängstigt: „Nein, Schwester, ich habe nur das eine Kraut gegessen, das du mir
    gegeben hast! Wenn du mir nicht glaubst, dann schneide meinen Bauch auf und schau hinein!“ Die Schwester glaubte ihm nicht, also nahm sie das Messer und schnitt seinen Bauch auf. Aber der kleine Bruder hatte tatsächlich Recht, es war wirklich nur das eine Kraut im Magen. Die Schwester wollte seinen Bauch zunähen, aber dabei ist ihr kleiner Bruder gestorben. Sie untersuchte den Beutel noch einmal und sah ein Loch. Die Stiefmutter hatte es hinein geschnitten, damit sie die Kinder wieder bestrafen konnte.
    Die Schwester war sehr traurig und wusste nicht, was sie machen sollte.
    Sie bereute zutiefst, dass sie ihrem Bruder nicht geglaubt hatte. Sie wusch ihren Bruder und begrub ihn. Um sein Grab wiederfinden zu können, pflanzte sie einen Sprössling. Als sie zuhause ankam, fragten die Stiefmutter und ihr Vater sie, wo denn ihr Bruder sei. Die
    Schwester antwortete: „Er war sehr müde, er wird mit den Tieren kommen.“ Der Bruder kam jedoch nicht.
    Am nächsten Tag fragte der Vater wieder: „Ja, wo bleibt denn dein Bruder?“ Die Tochter: „Er wird mit der Herde, mit den Rindern zurückkommen.“ Die Herde traf ein, aber der Bruder kam immer noch nicht. Das junge Mädchen hatte so ein schlechtes Gewissen!
    Sie wurde immer trauriger. Sie konnte es nicht mehr ertragen, dass ihr Bruder sterben musste, weil sie ihm nicht geglaubt hatte und sie begann, inständig zu Gott zu beten. Sie bat ihn, dass sie sich in einen Kuckuck, einen PepukVogel, verwandeln dürfte, damit sie allen
    anzeigen könne, dass sie ihren eigenen Bruder getötet hatte.
    Gott erfüllte ihren Wunsch. Und als Pepuk zwitscherte das junge Mädchen immer wieder diese Worte:
    „Pepuk
    Papa
    Wer hat das getan?
    Ich habe es getan!
    Wer hat ihn getötet?
    Ich habe ihn getötet!
    Wer hat ihn gewaschen?
    Ich habe ihn gewaschen.
    Oh weh, oh weh, oh weh!“
    Diese Geschichte vom Pepuk-Vogel wird immer noch zu Frühlingszeiten
    erzählt, wenn das Habichtskraut wächst.
  • edited September 2018
    Der kleine Reisbehälter

    Eine Geschichte aus Thailand, auf Thai
    erzählt von Chutimon Harrucksteiner
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    Es geschah einmal vor vielen hundert Jahren in einem Ort namens Taad Thong. Während der Regenzeit bereiteten die Bauern die Reisfelder vor, damit sie später die Sprösslinge von Hand einsetzen könnten.
    Ein Mann, der alleine mit seiner Mutter lebte, musste auf diese Weise auf den Feldern arbeiten. Eines Tages arbeitete er mit Hilfe seines Büffels auf seinem Reisfeld.
    Die Sonne stand schon hoch am Himmel.
    Er war schon müder als sonst und hatte auch größeren Hunger als an anderen Tagen.
    Üblicherweise brachte ihm seine Mutter das Essen schon vormittags.
    An diesem Tag aber kam und kam sie nicht.
    Er rastete unter einem Baum und ließ seinen Büffel alleine nach Futter suchen. Sein Blick
    ging nach Hause und er wartete ungeduldig auf seine Mutter, die eigentlich schon hier sein müsste. Die Sonne stieg hoch und die Hitze wurde immer größer. Auch sein Hunger nahm zu.
    Plötzlich sah er seine Mutter am Rand des Feldes kommen. Über der Schulter trug sie an einer Stange hängend einen kleinen Reisbehälter.
    Weil sie so spät kam und der Hunger ihn schon schwächte, machte ihn das sehr böse, weil er glaubte, er würde von dieser kleinen Portion nicht satt werden. Er schimpfte mit seiner Mutter: „ Was treibst du denn so lange, alte Frau? Du kommst zu spät! Du bringst auch nur den kleinen Reisbehälter. Wie soll ich davon satt werden?“
    Die Mutter antwortete: „Obwohl der Reisbehälter klein ist, so ist er doch voll. Iss doch einfach!“
    Doch blind und taub vor Zorn, Hunger und Müdigkeit nahm er die Worte nicht mehr wahr. Mit der Stange schlug er seine Mutter und sie fiel zu Boden.
    Er nahm den Reis und aß ihn. Als er satt war, blieb
    sogar etwas Reis übrig. Jetzt wurde ihm bewusst, dass er aus Hunger
    seine Mutter geschlagen hatte.
    Er fühlte sich schuldig und sah nach ihr.
    Er nahm sie in den Arm, aber sie war schon gestorben.
    Es tat ihm sehr leid, dass er sie aus Jähzorn getötet hatte. Er weinte
    heftig und wusste nicht, was er machen sollte. Da ging er zum Mönch
    und erzählte ihm alles. Dieser sagte: „Die Eltern zu töten, ist eine
    große Sünde. Man kommt in die Hölle und wird nicht mehr als
    Mensch wiedergeboren. Es gibt eine Möglichkeit, die Sünde zu
    mildern. Du musst über ihrer Asche eine Pagode bauen – diese soll
    so hoch sein, wie eine Taube fliegt.“
    Nach dem Begräbnis baute er tatsächlich mit Hilfe seiner Verwandten
    und der Dorfbewohner eine solche Pagode. Sie trägt den Namen
    “Tad kong kao noi kaa mae“ und steht bis heute.
    Die Moral der Geschichte ist: Man soll die Eltern gut behandeln,
    solange sie noch leben. Sind sie tot, kann man nichts mehr tun.
  • Der Ursprung des Inkareiches

    Eine peruanische Legende, auf Spanisch
    erzählt von Thomas Draxl
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    Der Sonnengott sah mit an, wie die Menschen auf der Erde lebten, in
    Umständen, die denen der Tiere glichen. Die Verehrungszeremonien
    und Riten, die der Sonne galten, waren eingestellt worden, und somit
    erbarmte er sich der Menschen und sandte seine Kinder hinab auf
    die Erde.
    Der Sonnensohn Manco Capac und die Tochter der Sonne Mama
    Ocllo wussten nicht, wohin und zu wem sie gehen sollten. Die Sonne
    gab ihnen jedoch einen Stab aus purem Gold und befahl ihnen,
    sich dorthin zu wenden, wohin der goldene Stab sie führen werde.
    Wo sie diesen mühelos in die Erde stoßen könnten, dort sollten sie
    sich niederlassen.
    Die ersten Inka Manco Capac und Mama Ocllo brachen vom
    Titicaca-See in Richtung Norden auf. Sie versuchten den goldenen
    Stab auf ihrem Weg mehrmals in den Boden zu stoßen, aber die
    Erde nahm ihn nicht auf. In einem Tal angekommen, das den Namen
    Cuzco trug (was Nabel bedeutet), stießen sie den Stab in den Boden
    und siehe da: Er fuhr leicht und tief in die Erde.
    Der Inka Manco Capac sprach zu Mama Occlo: „Siehe, unser Vater,
    der Sonnengott, wünscht, dass wir in diesem Tal bleiben und uns hier
    niederlassen.“ Und so gründeten sie eine Stadt, die bis heute noch
    ebenso wie das Tal den Namen Cuzco trägt. Sie gaben den Menschen,
    die hier lebten, eine Religion, Gesetze und eine Ordnung.
    Der Inka Manco Capac lehrte die Männer, wie das Land zu bestellen
    sei und wie man Erze aus dem Boden zu Tage fördere. Mama Ocllo
    brachte den Frauen bei, wie man Stoffe webte und Haushalte führte.
    Und sie selbst stellten sich als Inka an die Spitze des Staates, den sie
    geschaffen hatten.
    Obwohl es viele Legenden gibt, die sich ein wenig unterscheiden,
    stimmen doch alle darin überein, dass Manco Capac der Gründer
    des Inkareiches war.
    Inka bedeutet „Herr“ und Mama Ocllo wurde, wie auch alle ihre
    Nachfolgerinnen, als „Coya“ bezeichnet, was Quechua ist und
    „Königin“ bedeutet. Laut der Legende leitet sich die Dynastie der Inka
    also direkt von der Dynastie des Sonnengottes ab.
    Durch das strenge Verbot, einen Partner zu heiraten, der nicht aus
    derselben Kaste stammte, wuchs die Zahl der Mitglieder der
    Inka-Ayllú nicht sehr an. Zur Zeit der spanischen Invasion zählte die
    Königsfamilie nicht mehr als 518 Mitglieder.
  • Wie das „Vergissmeinnicht“ seinen Namen bekam

    Eine Geschichte aus dem Mühlviertel, im Dialekt
    erzählt von Hermann Kitzmüller
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    Als Gott die Welt erschuf, hatten die Tiere und Pflanzen zunächst keine
    Namen. Eines Tages kam Gott auf die Erde und begann, Tiere und Pflanzen zu benennen. Zu einem Tier sagte er: „Von jetzt an bist du eine Kuh, du - ein Schwein, du - eine Ziege, du - ein Hund, du - eine Katze, du - eine Gans, du - eine Ente, …“
    Das sagte er auch zu den Bäumen und Blumen. Die eine nannte er Rose, die andere Tulpe, die andere Nelke. Und so bekamen sie ihre Namen. Er beauftragte alle, sich ihren Namen gut zu merken. „Ich komme wieder und werde euch nach den Namen fragen“, sagte er.
    Als Gott zurück zur Erde kam, fragte er, wie angekündigt, die Tiere und Pflanzen nach ihren Namen. Alle konnten ihn nennen, nur eine Blume nicht. Die Blume dachte nach, aber es half nicht. Sie wusste ihn nicht mehr. Gott sprach zu ihr: „Von nun an heißt du
    Vergissmeinnicht“!
    Früher sagte man zu Kindern, die sehr vergesslich waren:
    „Du bist ein kleines Vergissmeinnicht!“
  • Keloğlan und die verzauberte Waschschüssel

    Eine Geschichte aus der Türkei, auf Türkisch
    erzählt von Fatma Küçükkaya
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    Es war einmal vor langer, langer Zeit im fernen Anatolien, da
    lebte Keloğlan mit seiner alten, armen Mutter. Sie liebte ihren Sohn
    sehr und strich ihm gern mit der Hand über seinen kahlen Kopf.
    Dabei pflegte sie zu murmeln: „Mein kahlköpfiger Sohn, mein haarloses Kind …“
    Eines Morgens ging Keloğlan mit Erlaubnis seiner Mutter angeln und
    wollte ein paar schöne Fische fangen. Er setzte sich auf einen Stein am Flussufer und warf seine Angel aus. Er dachte: „Mit meiner lieben
    Mutter kann ich kochen und wir werden satt werden.“ Nach vielen Stunden, so etwa gegen Mittag, fing er einen ganz großen Fisch.
    Seine Schuppen glänzten wie Silber und seine Augen waren klar wie Fensterglas. Es war ein wunderschöner Fisch.
    KeloğIan schuppte den Fisch. In seinem Bauch fand er eine große Waschschüssel. Er freute sich sehr, denn mit dem Fisch würden seine
    Mutter und er so richtig satt werden und die Waschschüssel wäre ein schönes Geschenk für die Mutter. Also füllte er die Schüssel mit
    Flusswasser, um den wunderschönen großen Fisch zu waschen. In
    dem Augenblick geschah etwas Unglaubliches. Keloğlan war fassungslos:
    Das Wasser, das über den Schüsselrand floss, verwandelte sich in pures Gold. Er probierte es noch ein paar Mal und jedes Mal floss
    Gold aus der Schüssel. Er dachte: „Das ist wahrscheinlich eine
    verzauberte Schüssel, ich gebe sofort meiner Mutter Bescheid.“ Und
    so lief er nach Hause. Immer wieder füllte er Wasser in die Schüssel,
    beim Ausleeren entstand kübelweise Gold. So wurde er reicher und
    mächtiger als der Sultan.
    Mit dem Geld ließ Keloğlan sich einen Palast bauen und zog mit seiner
    Mutter ein. Er hatte viele Dienstboten und kaufte alles, was ihm
    gefiel. Er aß immer gute Speisen. Aber das viele Geld verdrehte ihm
    mit der Zeit den Kopf. Zu viel Gold verwöhnte ihn.Er kaufte Dinge, die er überhaupt nicht brauchte. Die Mutter warnte
    ihren Sohn, dass dieser Reichtum eines Tages enden würde. Aber
    er hörte ihr nicht zu. Keloğlan sagte: „Mutter, ich besitze doch die
    verzauberte Waschschüssel. Ich kann kaufen, was ich will!“ Keloğlan
    hatte immer weniger echte Freunde. Er war jetzt verwöhnt. Als er
    noch in Armut lebte, war er ein ganz lieber Junge. Jetzt wollte er nur
    noch mehr und mehr Gold. Da Keloğlan hochnäsig und gierig wurde,
    mochten ihn die Menschen immer weniger. Die Menschen sprachen
    über ihn: „Früher war er ein liebevoller Junge, jetzt ist Keloğlan sehr
    gierig geworden.“
    Eines Tages ging Keloğlan wieder zum Fluss. Er überlegte: „Das Wasser
    wird am Fluss nicht ausgehen. Hier baue ich mir einen zweiten Palast.“
    Da er noch mehr Gold haben wollte, tauchte er seine Schüssel
    gierig in das Wasser. Am Ufer sammelte sich das Gold an und er wurde
    immer gieriger. Schneller und schneller tauchte er seine Schüssel ins
    Wasser. Ab jetzt dachte er an nichts anderes mehr, als an das Gold.
    Plötzlich rutschte ihm die Schüssel aus der Hand und fiel ins Wasser.
    Keloğlan wollte sie ergreifen und stürzte dabei in den Fluss. Da er
    nicht schwimmen konnte, ertrank er fast in der starken Strömung. Mit
    großer Mühe konnte er sich ans Ufer retten. Während er im Wasser
    um sein Leben kämpfte, stahlen Diebe sein Gold.
    Da er keine Möglichkeit hatte, seine Schüssel zu finden, kehrte er
    weinend nach Hause zu seiner Mutter zurück und erzählte ihr von
    seinem Unglück. Seine alte Mutter sagte: „Sei nicht traurig mein lieber
    Sohn! Du hattest dir die Schüssel nicht mit Schweiß und deiner
    Hände Arbeit verdient. Der Reichtum hat dich verwöhnt und hochnäsig
    gemacht. So ist es viel besser. Du wirst dich jetzt nicht mehr
    überheblich benehmen.“
    Keloğlan trösteten diese Sätze. Er gab seiner Mutter Recht. Von
    diesem Tag an sprach er nie wieder von der verzauberten
    Waschschüssel. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben Keloğlan
    und seine alte, arme Mutter im fernen Anatolien glücklich weiter.
  • Fleisch oder Katze

    Eine Geschichte aus der Türkei, auf Türkisch
    erzählt von Fatma Kücükkaja
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    Einmal kauft Hodscha Nasradin zwei Kilo Fleisch, damit seine Frau ihm
    Gulasch koche. Als sie allein ist, lädt sie die ganze Nachbarschaft
    zum Mittagessen ein.
    Abends kommt Hodscha heim. Seine Frau stellt einen Teller
    Weizengrütze hin und bittet ihn zu Tisch.
    Hodscha fragt: „Was ist denn das, Frau?! Ich habe Fleisch gekauft,
    du solltest Gulasch kochen. Wo ist es denn?“
    „Ach, Herr“, sagt sie, „frag bitte nicht! Unsere diebische Katze hat
    das ganze Fleisch gefressen!“
    Hodscha springt auf. „Was? Die Katze hat das Fleisch gefressen?
    Geh sofort und hol mir die Katze!“ Da kommt die Katze herein. Das
    arme Tier ist nur Haut und Knochen. Hodscha hat einen Verdacht.
    Er befiehlt seiner Frau: „Schnell, lauf! Hol die Waage!“ Er stellt die
    Katze auf die Waage. Sie wiegt zwei Kilo. Da sagt Hodscha:
    „Frau, nehmen wir mal an, das ist das Fleisch. Wo ist dann die Katze?“
  • Arm und reich

    Eine Geschichte aus dem Iran, auf Farsi (Persisch)
    erzählt von Mori Guscheh
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    Eines Tages nahm ein reicher Mann seinen kleinen Sohn zu einem
    Dorf mit, um ihm zu zeigen, wie die Leute dort wohnten und wie arm
    sie waren. Vater und Sohn waren zwei Tage und zwei Nächte zu Gast
    in der einfachen Hütte eines einfachen Bauern.
    „Was hast du bei dieser Reise gelernt?“ fragte der Vater. Der Sohn
    antwortete: „Es war wunderbar!“
    Der Vater fragte: „Hast du gesehen, wie sie leben?“ Der Sohn sagte:
    „Ja! Ich habe verstanden, dass wir einen Hund haben und sie hatten
    vier. Wir haben einen Brunnen in unserem Hof und sie hatten einen
    großen Fluss in der Nähe. Wir haben in unserm Hof Laternen und sie
    hatten schöne Sterne. Unser Hof endet mit der dicken Mauer, aber
    ihr Garten erstreckt sich unendlich weit.“
    Der Vater war geschockt. Der Sohn sagte noch: “Vater, ich danke dir,
    dass du mir gezeigt hast, wie arm wir sind!“
  • Die Steinsuppe

    Eine Geschichte aus Portugal, auf Portugiesisch
    erzählt von Olga Melo
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    Es war einmal ein Mönch, der hatte nie etwas zu essen. Er zog durchs
    Land, ging zu jedem Bauern und fragte, ob er etwas zum Essen
    bekommen könne. Aber jeder antwortete: „Nein. Wir haben nichts zu
    essen.“ Tagelang bekam er nichts in den Magen oder nur das, was
    er unterwegs fand. Als er so beim Wandern auf den Boden schaute,
    sah er einen sehr schönen Stein. Da hatte er eine Idee. Er sagte sich:
    „Hm! Ich könnte eine Steinsuppe machen!“ Da ging er wieder zu einem
    Bauern und fragte ihn, ob er etwas zu essen haben könne. Der Bauer
    sagte: „Nein, wir haben nichts.“ Darauf fragte der Mönch den Bauern:
    „Möchtest du vielleicht meine Steinsuppe kosten?“ Der Bauer sagte:
    „Ah – eine Steinsuppe? Davon habe ich noch nie reden hören. Die
    möchte ich doch sehen! Herein, herein!“
    Als beide die Küche betraten, fragte der Mönch den Bauern: „Könntest
    du mir einen Topf leihen?“ Er gab ihm einen Lehmtopf. Nun fragte der
    Mönch: „Könntest du mir ein bisschen Wasser geben?“ „Ja, natürlich“,
    antwortete der Bauer, „es mangelt uns nicht an Wasser. Wir leben auf
    dem Land … wir haben viel Wasser!“ Dann goss der Mönch das
    Wasser in den Topf und gab den Stein hinein. Als das Wasser zu
    kochen begann, fragte der Mönch noch einmal: „Habt ihr vielleicht
    ein paar Kartoffeln?“ „Aber natürlich! Wisse, hier auf dem Land
    mangelt es uns daran nicht und auch nicht an Gemüse.“
    Das Wasser erhitzte sich und der Bauer warf einen irritierten Blick in
    den Topf. Der Mönch kostete die Suppe und sagte: „Sie schmeckt
    etwas fad. Wir bräuchten noch ein wenig Salz.“ Der Bauer gab ihm
    Salz. Der Mönch kostete und sagte: „Habt ihr ein paar Karotten? Mit
    zwei Karotten würde die Suppe genau richtig sein.“ „ Klar haben wir
    die, aber sicher doch! Hier sind die Karotten.“ Der Mönch gab sie in
    die Suppe, und als etwa zehn Minuten vergangen waren, sagte er:
    „Die Suppe ist fertig! Wir können essen.“ Der Bauer holte zwei Teller und
    der Mönch teilte die Suppe aus. Aber den Stein beließ er am Grunde
    des Topfes.
    Nachdem der Bauer die Suppe gegessen und zweimal die Frage an
    den Mönch gerichtet hatte: „Und … der Stein? Hast du ihn nicht
    gegessen? Du hast doch gesagt, dass es eine Steinsuppe sei!?“
    antwortete der Mönch: „Der Stein … ach so… den Stein wasche ich
    und nehme ihn mit für die nächste Suppe!“
  • Die Schlange im Bauch

    Eine Geschichte aus dem Kongo, auf Lingala
    erzählt von Dieu Merci
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    In einem Dorf konnten die Menschen und die Tiere miteinander
    sprechen. Wenn die Tiere sprachen, konnten die Menschen sie
    verstehen. Wenn die Menschen sprachen, wurden sie von den
    Tieren verstanden.
    Eines Tages ging ein Mann aufs Feld, um zu arbeiten. Da begegnete
    ihm eine kleine Schlange, die zu ihm sagte: „Hilf mir! Ich bin in
    Gefahr. Es gibt Menschen, die mich verfolgen, sie kommen gleich
    und wollen mich töten.“
    Der Mann hatte Mitleid mit der Schlange und fragte sie: „Wie kann
    ich dir helfen?“ Die Schlange antwortete: „Suche einen Ort, wo du
    mich verstecken kannst, damit die Leute mich nicht finden.“ Und der
    Mann fragte: „Wenn ich dich unter dem Gras verstecke – ist das
    gut für dich?“ „Nein“, sagte die Schlange, „dort werden die Leute
    mich finden.“ Der Mann sagte: „Wie kann ich dir dann helfen?“ Die
    Schlange antwortete: „Mach den Mund auf, dann schlüpfe ich in
    deinen Bauch und werde dort warten. Wenn die Leute
    vorbeigegangen sind, werde ich herauskommen.“ Der Mann fragte:
    „Wenn du in meinem Bauch bist – wie kann ich dann mit dir
    sprechen, um dir zu sagen: ‚Komm heraus!’ ?“ Die Schlange antwortete:
    „Wenn ich dort unten bin, klopfe dreimal auf den Bauch, dann
    strecke ich meinen Kopf aus deinem Mund heraus und du kannst zu
    mir sprechen.“
    Die Schlange schlüpfte in den Bauch. Die Verfolger kamen und
    fragten: „Hast du eine Schlange gesehen? Wir wollen sie töten!“ Der
    Landarbeiter antwortete: „Ich habe keine Schlange gesehen…“
    „Doch, doch, sie muss hier sein, wir wollen sie töten!“ Er wiederholte:
    „Ich habe keine Schlange gesehen.“ Da gingen die Leute weiter.
    Der Mann klopfte dreimal auf seinen Bauch. Die Schlange kam mit
    ihrem Kopf aus dem Mund. Er sagte ihr: „Die Leute sind weg, du
    kannst heraus.“ Aber die Schlange sagte zu dem Mann: „Hier bin ich
    in Sicherheit. Ich werde nicht wieder herauskommen. Wenn du isst,
    werde ich einen Teil für mich nehmen und den anderen Teil kannst
    du für dich haben, für deine Gesundheit.“ Der Mann fing an zu
    weinen. „Du lieber Gott! Ich habe der Schlange geholfen und jetzt
    will sie meinen Bauch nicht mehr verlassen!“ Er weinte den
    ganzen Tag.
    Da flog ein Vogel mit einem sehr langen Schnabel vorbei, hoch
    oben, und fragte: „Warum weinst du?“ Der Mann antwortete: „Ich
    habe einer Schlange geholfen. Sie wurde von Leuten verfolgt, die
    sie töten wollten. Sie hat sich in meinem Bauch versteckt und nun will
    sie nicht wieder herauskommen.“ Der Vogel sagte: „Ich habe Mitleid
    mit dir. Ich werde dir helfen. Was machst du, um mit der Schlange
    zu reden?“ „Ich schlage dreimal auf meinen Bauch, dann kommt sie
    mit dem Kopf aus meinem Mund heraus und wird mir zuhören.“ Der
    Vogel sagte: „Gut, dann klopfe dreimal auf deinen Bauch. Wenn die
    Schlange den Kopf herausstreckt, dann werde ich sie mit meinem
    Schnabel herausziehen.“ Der Mann schlug dreimal auf den Bauch,
    die Schlange zeigte ihren Kopf, der Vogel zog sie heraus und der
    Mann tötete die Schlange. Und er sagte zum Vogel: „Du hast mir sehr
    geholfen. Vielen Dank!“ Der Vogel antwortete. „Gut, ich fliege
    nach Hause.“
    Aber der Mann ergriff den Vogel und sagte: „Du wirst nicht heim
    fliegen!“ Er hielt ihn fest. „Ich werde dich mit nach Hause nehmen.
    Meine Frau mag sehr gern Vögel wie dich essen. Wenn ich dich mit
    nach Hause bringe, habe ich etwas Gutes zu essen für meine Frau,
    sie wird zufrieden sein und eine leckere Suppe aus dir machen.“ Der
    Mann fesselte den Vogel mit einer Leine und nahm ihn mit. Am
    Dorfrand kam ihm seine Frau entgegen, sah den Vogel und rief:
    „Ah, mein Lieber, du hast einen solch wunderbaren Vogel
    mitgebracht! Ich werde eine gute Suppe aus ihm machen!“
    Der Mann erzählte der Frau, dass er eine Schlange im Bauch gehabt
    hatte und sie nicht herauskommen wollte und dass der Vogel ihm
    geholfen hatte, die Schlange herauszuziehen und sie dann tötete.
    Die Frau war traurig wegen der Schlange. Sie war geschockt von
    dieser Nachricht und hatte Mitleid mit ihr.
    Sie hatte auch Mitleid mit dem Vogel und wollte ihn losbinden, um
    ihn wegfliegen zu lassen. Der Vogel aber glaubte, dass sie eine
    Suppe aus ihm machen wolle und als sie ihn losband, hackte er ihr mit
    seinem Schnabel die Augen aus. Dann flog er davon.
  • Der Elefant und der liebe Gott

    Eine Geschichte aus dem Kongo, auf Lingala erzählt von Dieu Merci
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    Eines Tages traf der Elefant den lieben Gott, um ihm einige ihn
    betreffende Fragen zu stellen.
    Er fragte den lieben Gott: „Lieber Gott! Sieh die Hündin, sie ist klein,
    aber sie bringt viele Kinder zur Welt. Auch das Schwein ist klein und
    bringt viele Kinder zur Welt, ebenso die Henne … Warum bringe ich,
    die ich soviel größer bin als sie, nur ein einziges Kind zur Welt und
    das erst nach mehreren Jahren?“
    Der liebe Gott antwortete dem Elefanten: „Im Moment bin
    ich beschäftigt. Kehre nach Hause zurück und ich werde dir
    morgen antworten …“
    Am nächsten Morgen ging der liebe Gott den Elefanten suchen,
    um ihm seine Frage zu beantworten. Und er fand dort, wo der Elefant
    schlief, alles zu Boden gedrückt: Der Zitronenbaum lag am Boden,
    der Orangenbaum lag am Boden, der Avocadobaum lag am Boden.
    Und der liebe Gott sagte dem Elefanten: „Sieh her, du bist allein,
    aber du hast viele Pflanzen zerstört und wenn du viele Kinder zur
    Welt brächtest, würde es keine Pflanzen mehr geben. Also akzeptiere,
    dass du bist, wie du bist. Der Wald wird darüber beruhigt sein.“
  • Den Löwen besiegen

    Eine Geschichte aus Kenia, auf Suaheli erzählt von Caroline Nkelly
    Aus dem Deutschen in Suaheli rückübersetzt von Karen Otieno
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    Meine kenianische Großmutter hat mir folgende Geschichte erzählt:
    Vor langer Zeit fragten sich die Bewohner unseres kleinen Dorfes,
    woran man ein gutes Oberhaupt erkennen könne: den Menschen,
    der am besten geeignet sei, das Dorf durch alle Gefahren zu führen.
    Damals wurden Löwen, die heute geschützt sind, noch als Feinde des
    Menschen betrachtet. Die Leute sagten: Wer unsere Dorfgemeinschaft
    leiten will, muss unseren Feind besiegen können.
    Um einen Löwen zu finden, braucht man viel Geduld. Man muss sehr
    tapfer sein. Und man braucht ein starkes Selbstvertrauen. Man
    braucht seine ganze Kraft. Auf der Suche nach dem Löwen begegnet
    man sehr großen Gefahren: Der Dschungel, tiefe, reißende Flüsse
    und hohe, steile Berge müssen überwunden werden. Im Wald leben
    giftige Schlangen, im Fluss lauern die Krokodile. In den Bergen gibt
    es nichts zu trinken und zu essen und dennoch muss man hoch hinauf
    klettern.Wenn man das schafft, kann man einen Löwen besiegen.
    Viele Bewohner des Dorfes versuchten es. Viele haben sich dabei
    verletzt oder sind umgekommen. Nur ein Mann war so stark und
    voller Zuversicht, dass er bis zu dem Löwen vordrang. Um ihn zu
    besiegen, musste er genau beobachten, wie der Löwe seine
    Opfer besiegt. Er musste seine Tricks kennen und sie gegen ihn
    selbst anwenden.
    Nach einem harten Kampf gelang es ihm, den Löwen zu fesseln.
    Er nahm das schwere Tier auf die Schultern und schleppte es über
    die Berge, durch die wilden Flüsse und den gefährlichen Dschungel
    zurück in unser Dorf.
    Die Leute waren sehr erstaunt und sagten: Dieser Mann soll
    uns führen!
    Ich fragte meine Großmutter: „Woran kann man denn heute erkennen,
    ob jemand als Oberhaupt des Dorfes geeignet ist? Heute kann
    man doch keine Löwen mehr besiegen!“ Sie antwortete: „Wenn du
    wirklich etwas erreichen willst, dann gibt es keinen kurzen Weg. Man
    muss Geduld haben, sehr diszipliniert sein und darf die Hoffnung
    niemals aufgeben! Und wenn du das erreicht hast, dann wirst du es
    festhalten, weil du die Anstrengung kennst, die nötig war, um es zu
    bekommen.“
  • edited October 2018
    Cemshap und die Schlangenkönigin Şahmeran

    Eine Geschichte aus der Türkei, auf Türkisch
    erzählt von Ursula Vura
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    Vor langer, langer Zeit lebte einmal eine arme Witwe mit ihrem einzigen
    Sohn. Sein Name war Cemshap. Der Junge sammelte Brennholz und
    verkaufte es, um seiner Mutter zu helfen.
    Eines Tages, als Cemshap mit seinen Freunden Holz sammelte, fanden
    sie eine Höhle, die voll mit Honig war. Um an den Honig zu kommen,
    ließen die Freunde Cemshap an einem Seil in die Höhle hinunter.
    Nachdem sie den gesamten Honig herausgeholt hatten, ließen sie
    Cemshap in der Höhle zurück und machten sich auf und davon.
    Der arme Cemshap wusste nicht, was er nun tun sollte, und so
    begann er, sich umzusehen. Plötzlich erblickte er am Ende der Höhle
    ein kleines Licht. Mit seinem Messer vergrößerte er das Loch und
    betrat einen unvorstellbar schönen Garten. Der Garten war voller
    Blumen und viele Schlangen und Drachen tummelten sich in ihm.
    In der Mitte des Gartens saß auf einem silbernen Tablett die
    Schlangenkönigin. Diese ist oberhalb der Taille eine wunderschöne
    junge Frau, von der Taille abwärts hat sie einen Schlangenleib
    und ihr Name ist Shahmeran.
    Şahmeran rief Cemshap zu sich und fragte ihn, wer er sei. Cemshap
    erzählte ihr, was geschehen war. Er und Şahmeran wurden gute
    Freunde und lebten viele Jahre glücklich und zufrieden.
    Eines Tages bekam Cemshap Heimweh nach seiner Mutter und
    wünschte, diese wiederzusehen. Şahmeran wollte ihn nicht
    gehen lassen, da die Menschen undankbar seien und er sie verraten
    würde. Aber Cemshap überredete Şahmeran und gab ihr sein Wort.
    Als er ging, versprach er Şahmeran auch, niemals in ein Badehaus
    zu gehen.
    Viele lange Jahre lebten Cemshap und seine Mutter glücklich in
    ihrem Heim.Eines Tages jedoch erkrankte der Herrscher des Landes
    und niemand konnte ihn heilen. Der Wesir, ein sehr schlechter
    Mensch, fand in einem Zauberbuch ein Heilmittel für die Krankheit:
    Der Herrscher werde nach dem Genuss von Şahmerans Fleisch
    wieder gesund werden.
    Als der Herrscher dieses hörte, befahl er alle seine Untertanen ins
    Hammam, denn wer Şahmeran gesehen hatte, dessen Haut
    verwandelte sich auf seinem Rücken in eine Schlangenhaut. Aus
    diesem Grunde schickten die Soldaten des Herrschers alle Bewohner
    ins Badehaus. Cemshap musste mit Gewalt dorthin geschleppt
    werden. Als die Soldaten des Herrschers seinen Rücken sahen,
    wussten sie, dass er Şahmeran gesehen hatte und sie zwangen
    ihn, ihnen den Weg zu ihr zu zeigen.
    Als Şahmeran sie kommen sah, fragte sie Cemshap, warum er sie
    verraten habe. Cemshap war sehr beschämt und niedergeschlagen
    und weinend erzählte er Şahmeran, was sich zugetragen hatte.
    Şahmeran sagte ihm, dass der Wesir ein sehr schlechter Mensch
    sei und riet ihm Folgendes: „Koche mich in einem irdenen Topf, den
    zweiten Absud gib dem Wesir zu trinken, den ersten trink du selbst.
    Und der Herrscher soll mein Fleisch essen.“ Cemshap tat, wie ihm
    geraten, der Wesir trank den Absud und starb. Der Herrscher jedoch
    wurde wieder gesund.
    Und Cemshap wurde zu einem weisen Einsiedler, der allen Menschen
    seiner Umgebung half.
  • Vom Löwen, der Ziege und der Maniokpflanze

    Rätselgeschichte aus dem Kongo, auf Lingala erzählt von Dieu Merci
    -------------------------------------
    Es gab einmal einen Jäger, der hatte einen Löwen, eine Ziege und
    ein Maniokblatt. Er dirigierte die Tiere und die Pflanze so, dass sie
    sich gegenseitig und das Maniokblatt nicht auffraßen, so lange er
    bei ihnen war.
    Der Mann kam zu einem Fluss, den er überqueren wollte. Er fand am
    Ufer ein winziges Boot, eine Pirogge. Aber er konnte den Fluss nicht
    zugleich mit allen dreien überqueren, das Boot wäre versunken.
    Er konnte jeweils nur eines der drei übersetzen und musste die beiden
    anderen so lange am Ufer zurücklassen. Wenn er mit dem Löwen
    übersetzen würde, würde die Ziege derweil das Maniokblatt fressen.
    Wenn er zuerst das Maniokblatt hinüberbrächte, würde der Löwe
    die Ziege fressen.
    Er könnte also nur mit der Ziege fahren, weil der Löwe in der
    Zwischenzeit das Maniokblatt nicht fressen würde. Aber wenn er
    dann mit dem Löwen nachkäme, würde der Löwe die Ziege fressen,
    während er das Maniokblatt nachholen würde. Oder umgekehrt:
    Wenn er erst das Maniokblatt ans andere Ufer brächte, würde die
    Ziege es fressen, während er den Löwen holen würde.
    Was kann der Jäger tun?
    Diese Frage haben im Kongo die Großeltern ihren Enkeln gestellt,
    um zu sehen, ob sie klug sind.
    Lösung:
    Der Mann nimmt zuerst die Ziege mit auf die andere Seite. Der Löwe
    bleibt mit der Maniokpflanze zurück. Es kann nichts passieren, weil
    der Löwe die Maniokpflanze nicht frisst. Dann kommt der Mann von
    der anderen Seite alleine zurück. Als nächstes nimmt der Mann den
    Löwen mit über den Fluss, und auf der Rückfahrt nimmt er die Ziege
    wieder mit auf die andere Seite, wo sie wieder alleine ist. Danach
    überquert er mit der Maniokpflanze auf seinem Boot den Fluss auf
    die Seite mit dem Löwen. Zum Schluss holt er die Ziege nach.
  • edited October 2018
    Geben ohne Ende
    Eine Geschichte aus Ägypten
    -----------------------------------------
    Alle Anwesenden dürfen Mohamed begrüßen.
    Ich habe gehört, dass es drei Mädchen gab, die in einem kleinen
    Dorf am Nil lebten. Ihre Eltern hatten sie schon lange verloren. Ihr Dorf war sehr arm und die Leute litten Hunger, fanden keine Arbeitund waren krank. Sie fühlten sich sehr unglücklich.
    Die drei Mädchen hießen Halima, Fatima und Karima. Halima war 16, Karima 17 und Fatima 18 Jahre alt. Sie wohnten auf einem kleinen Bauernhof und bauten in ihrem Garten an, was sie zum Leben brauchten.
    Sie waren Beispiele für Geduld und Leistung: Von morgens bis abends haben sie gearbeitet, ohne sich über ihr Los zu beschweren. Nebenher halfen sie stets den anderen Leuten, den Alten wie den Jungen. Alle haben sie geschätzt, respektiert und geliebt. Einmal hatten sie eine Idee: Sie wollten den Leuten helfen und haben dazu einen Apfelbaum gepflanzt, damit die Menschen im Dorf von diesem Baum essen und in seinem Schatten sitzen könnten. Als sie anfingen, das Loch zu graben, in das sie den Apfelbaum pflanzen wollten, gab es eine Überraschung: Sie fanden eine kleine Kiste. Als sie sie öffneten, kam eine Fee heraus. Sie sprach: „Schobek – lobik! Wenn ihr mich um etwas bittet, mache ich es sofort!“ Die Mädchen begannen zu sagen, was sie sich wünschten:
    Erstens, dass alle Mitbewohner des Dorfes ausreichend zu essen bekommen sollten,
    zweitens, dass sie Arbeit finden und drittens, dass sie gesund werden sollten.
    Ehe die Fee daran ging, die Wünsche zu erfüllen, sagte sie jedoch:
    „Es gibt eine Bedingung: Die Bewohner des Dorfes müssen auch
    arbeiten. Wenn sie nicht arbeiten, wird mein positiver Einfluss auf das
    Dorf verschwinden. Arbeit und Leistung sind eine Voraussetzung dafür,
    dass ich euch helfen kann.“ Und sie fügte hinzu: „Ihr drei seid ein
    Beispiel für Liebe. Ihr kümmert euch um die anderen. Ohne eure große
    Leistung und große Unterstützung der anderen wäre ich nicht da.
    Ihr habt nichts für euch selber gewünscht, sondern nur für eure
    Mitbewohner im Dorf.“ Die drei Mädchen waren sehr glücklich.
    Die drei Mädchen waren einverstanden mit den Bedingungen der
    Fee. Sie erklärten allen Dorfbewohnern, dass sie einfach arbeiten
    müssten, damit die Fee dem Dorf helfen könnte.
    Und das ganze Dorf veränderte sich. Alle Menschen unterstützten
    sich gegenseitig, alle fanden Arbeit, hatten genug zu essen und
    waren gesund.
    Ohne die Leistung der drei Mädchen hätte das Dorf diese Freude
    nie gehabt.
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